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8.Tag

Nisutlin River

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Datum: 17. August 2006,Donnerstag
GPS Koordinaten
:
6. Camp: N60 15.5107 W132 33.8941

 


Bericht:

1884 1886 1889 Unser zweitletzter Tag auf den Nisutlin bricht an. Es ist 8.30 Uhr als wir aus unserem Zelt hervor krabbeln. Die Nacht war bedeckt, es hat aber nicht geregnet. Jetzt am Morgen blinzelt schon die Sonne hervor und es ist mit knapp 20 Grad erstaunlich warm. Wir wollen heute soweit wie möglich an die Nisutlin Bay vorstossen, damit wir dann morgen auf unserer letzten Fahrt nur noch über den See müssen. Laut Distanzkarte haben wir immer noch einen kleinen Rückstand auf unsere Marschtabelle. Das heisst, heute werden wir ca. 40 Kilometer paddeln müssen. Mit 5-6 Stundenkilometer werden das ca. 7-8 Stunden sein.

1881 1894

Wir machen unser Standardmorgenessen. Brot mit Konfitüre und Kaffee. Es geht alles ein wenig langsamer. Die ewige Paddlerei hat unseren Körper müde gemacht. Vor allem Rücken und Oberarme sind nicht mehr so geschmeidig wie vor einer Woche.

1899 1900
Gegen 10 Uhr stechen wir wieder in den Fluss. Auf den nächsten Kilometern kommt eine Gerade nach der anderen. Die Fahrt ist mühsam, der Fluss ist erschreckend langsam. Ohne zu paddeln zeigt mein GPS nur knapp 2.5 Km/h an und zu allem Unglück müssen wir auch noch gegen den Gegenwind ankämpfen.

1902 1903 Der Fluss ist jetzt eine stattliche Breite angeschwollen und ist gleichzeitig um einiges flacher geworden. Oft berühren unsere Paddel den Grund. Gabi sitzt vorne, liest das Wasser. Je nach Strömung müssen wir sofort entscheiden, welche Flussseite wir ansteuern. Bei einer dieser Entscheidungen sind wir leider zu spät und schon hören wir den Kanuboden über den Grund schleifen. Wir versuchen zwar noch zu korrigieren, aber es ist zu spät. Das Kanu stoppt und wir sitzen fest. Mitten im Fluss sind wir auf Grund gelaufen. Wir probieren noch mit unseren Paddeln das Kanu dazu zu bewegen weiterzufahren, es gelingt uns aber nicht. Es bleibt mir nichts anderes übrig als ins Wasser zu steigen. Bin ich froh, habe ich in Whitehorse noch diese Gummistiefeln gekauft. Ansonsten wären wir jetzt bös aufgeschmissen. Mit aller Kraft schaffe ich es, unser Kanu wieder in tiefere Gewässer zu schieben. Gabi – ohne Stiefel – bleibt derweil im Kanu sitzen und steuert. Während der Weiterfahrt in diesem Niedrigwasser  sehen wir ab und zu Lachse. Die rötlichen Fische sind auf dem Weg zu ihren Laichplätzen. Es sind stattliche Tiere, die bereits über 3000 Kilometer hinter sich haben und dementsprechend nicht mehr so kräftig sind. Die geschmeidigen Bewegungen der Lachse fesselten uns zu sehr, wir achteten zu wenig auf die Strömung und sassen bald erneut auf Grund. Wieder musste ich unser Kanu in die richtige Richtung schieben.

1918 1917 1916 Dieser Flussabschnitt, ab Kilometer 146 von der Rose River Bridge, bietet keine Sandbanken mehr, die ein gutes Camp möglichen würden. Es wird schwierig sein hier einen geeigneten Lagerplatz zu finden. Auch auf den Karten von Mike Rourke und Guy Karpes ist nicht vieles eingezeichnet. Bei ca. Km 161 erreichen wir eine Stelle, an der gemäss Karte einige Cabins stehen sollten. Wir halten an und schauen uns das Ufer genauer an. Wir müssen ein bisschen die Böschung hochklettern und ca. 50 Meter in den Wald hinein laufen bis wir auf 2 verlassene Bockhäuser treffen. Das eine ist bereits unbewohnbar und recht verfallen, das andere, mehr oder weniger eine Bretterbude, ist gut erhalten. Die Hütte ist jedoch verschlossen, so dass uns nur der Blick durch’s Fenster bleibt. Viel gibt es allerdings nicht zu erkennen. Wir wissen, dass die Hütten im Sommer nur selten bewohnt sind, denn bei Niedrigwasser ist es kaum möglich mit dem Motorboot hier hoch zu fahren. Es sind wahrscheinlich Winterhäuser von Fallenstellern aus Teslin, die bei zugefrorenem Fluss mit den Skidoos erreicht werden können.  Wir beenden unsere Besichtigung schon bald, denn in diesem Dicklicht sind die Moskitos extrem angriffig und es macht keinen Spass noch weitere Erkundungen zu machen.

1923 1907 Der Fluss ändert sein Bild nicht mehr. Er ist breit, langsam und Kurven werden seltener. Vor allem die langen Geraden machen einem zu schaffen. Wir sind so langsam unterwegs, dass es uns wie eine Ewigkeit erscheint, bis wir jeweils das Ende erreichen. Die Ufer sind nicht mehr so spektakulär wie zu Beginn der Reise. Sie sind dafür viel grüner und dichter bewachsen. Das Wasser, obwohl immer noch sauber ist irgendwie nicht mehr so klar und man kann nur noch selten auf den Grund schauen. Um Trinkwasser zu gewinnen, führen wir einen Katadyn Wasserfilter mit. Den Ansaugstutzen legen wir während der Fahrt ins Wasser und pumpen so unser Trinkwasser ab. Für ein Liter Trinkwasser müssen wir ca. 30 Mal pumpen. Funktionierte bis jetzt einwandfrei. Wir haben noch nie Wasser abkochen müssen. Nebenbei haben wir ein paar Orangen-Brausetabletten dabei um dem Wasser einen besseren Geschmack zu geben. Wasser direkt ungefiltert aus dem Fluss zu trinken ist nicht ratsam. Das Biberfieber könnte überall sein und hat schon machen Kanuten flach gelegt. Wir beide trinken gut 3 Liter Wasser pro Tag.

1924 1910 Der Himmel ist stark bewölkt und es tröpfelt ab und zu. Wir haben bisher keine Menschen mehr getroffen. Es ist eine sehr einsame Gegend. Bei einer kleinen Pause, erkunde ich das Ufer ein wenig. Laut Karte ist hinter dem Wald eine grössere Lichtung. Ich kämpfe mich durch den mit Moskitos verseuchten Wald und stolpere ab und zu im knietiefen Moosboden über meine eigenen Füsse. Trotzdem erreiche ich das Ende des Waldes und habe einen herrlichen Blick auf eine Sumpfebene. Insgeheim habe ich schon gehofft, es hätte vielleicht ein oder zwei Elche hier. Die Biester lassen sich aber nicht blicken. Kurze Zeit später können wir aber auf einem umgeknickten Baumstamm zwei schöne Weisskopfadler erblicken.

1342 1340 1338 Kurz darauf fahren wir weiter und erblicken am Strand vor uns auf der linke Flussseite einen Bären. Es ist ein junges, mittelgrosses Tier, das am Ufer nach etwas Essbarem sucht.  Da wir im Gegenwind fahren, bemerkt er uns erst im letzen Augenblick, bleibt verdutzt stehen und äugt zu uns hinüber. Langsam gleiten wir an ihm vorbei, während sein Blick aufmerksam auf unser Kanu gerichtet bleibt. Ob er noch nie Menschen gesehen hat? Kurz darauf sehen wir dann, dass er am Strand entlang sprintet und dabei ein flottes Tempo erreicht, bevor er im Uferdickicht verschwindet.
1928 1929 Wir halten auf der gegenüberliegenden Sandbank an, um unsere Regenbekleidung anzuziehen. Der Regen wird jetzt stärker und wenn wir so gegen Süden schauen, wird er wahrscheinlich noch weiter zunehmen. Wie immer bei solchen Landgängen, suche ich die Gegend nach Spuren ab. Bereits beim Anlegen sind mir komische Abdrücke aufgefallen, die wir auf unserem Weg bisher noch nie gesehen haben. Nun kommt das Fährtenbuch zum Einsatz, dass wir in Whitehorse gekauft hatten. Die Spuren sehen frisch aus; sie können höchstes ein paar Minuten alt sein, ansonsten hätte das immer wieder ans Ufer schwappende Wasser sie schon weggespült. Auf Seite 38 des Buches sehe ich dann, was ich schon beinahe befürchtet hatte. Es sind Wolfspuren. Kein Zweifel, die Spuren sind sehr gut zu erkennen. Ich schaue herum, kann aber hinter den Baumstämmen und Büschen nichts erkennen. Die Spuren führen in den Wald hinein. Langsam gefällt mir dieser Ort gar nicht mehr. Nach den Spuren zu schliessen waren es mehrer Tiere. Vielleicht zwei oder drei. Möglich, dass wir sie gestört haben und sie uns nun vom Wald aus beobachten. Jetzt wird mir auch klar, warum der Bär vorhin so plötzlich davon gesprintet ist. Vermutlich hat seine gute Nase die Wölfe schon viel früher gewittert. Ich lauf zurück zum Kanu, wo Gabi schon ihre Regenbekleidung an hat. Ich mache mich ebenfalls schnell parat und kurz darauf stossen wir bereits vom Ufer ab. Irgendwie fühlen wir uns beobachtet. Das Wölfe Menschen angreifen ist sehr unwahrscheinlich. Wölfe sind scheue Tiere und machen sich eher aus dem Staub als anzugreifen. Ich denke mal, dass uns die Tiere gewittert oder vielleicht sogar gesehen haben und sich dann vor uns Zweibeinern versteckt haben.

1931 1932 Es ist 14.50 Uhr. Wir befinden uns wieder auf dem Fluss. Es regnet jetzt in Strömen. Die Wolken hängen tief und wir können kaum mehr was erkennen. Es ist kalt, nass und ungemütlich. Laut Karte und GPS müssen wir noch mindestens 2 Stunden durchhalten bis wir unser Tagesziel erreichen. Es regnet so stark, dass die Tropfen, die auf’s Wasser aufschlagen, regelrecht zurückspritzen. Das Kanu füllt sich langsam mit Wasser und ich bin immer wieder am Wasserschöpfen. Die Stimmung ist gleich null. Gabi sitzt vorne, sticht das Paddel ein um’s andere Mal in den trägen Nisutlin. Das Ufer zieht verhangen an uns vorbei. Die Regenhosen können bald dem anhaltenden Regen nicht mehr trotzen und fangen an zu rinnen. Ich versuche mich mit meinem einfachen Poncho zu schützen, was nur teilweise gelingt. Wir erreichen das sogenannte Wasserkabel am Nisutlin River. Es wird vom Water Survey of Canada zum Messen der Wassermengen und des Wasserstandes benutzt. Wir müssen immer noch ca. 12 Kilometer zurücklegen. Es bringt nichts jetzt anzuhalten und einen Lagerplatz zu suchen, denn sonst müssten wir morgen viel zu weit fahren und wir würden es nicht schaffen bis um 12 Uhr in Teslin zu sein. Es bleibt uns nichts anderes übrig als weiterzufahren. Unsere Motivation wird auf eine harte Probe gestellt: kalt und durchnässt, wohl wissend, dass wir heute noch bei strömenden Regen unser Zelt aufstellen müssen und ein Feuer für warmes Essen entfachen sollten. Als wir in Whitehorse letzten Samstag das Wetter studierten, wussten wir, dass es wahrscheinlich am Donnerstag und eventuell auch am Freitag ein Regentag geben könnte. Da aber Whitehorse ca. 200 Kilometer von unserem Standpunkt entfernt liegt, hätte es auch ganz anders kommen können. Jetzt haben wir das, was sich eigentlich kein Kanute wünscht: Dauerregen.

An einer kleinen Sandbank halten wir an um aufs WC zu gehen. Unsere Regenhosen, obwohl als wasserdicht gekennzeichnet, haben dem Regen nicht standhalten können. Wir sind bis auf die Unterhosen nass. Die Regenjacken haben jedoch mit dem starken Regen keine Probleme. Hier zeigt sich, was eine gute Regenbekleidung aushalten kann. Zwei Stunden Dauerregen und kein bisschen nass am Oberkörper.  Wasserlassen bei dieser Witterung ist übrigens auch kein Zuckerschlecken. Zudem ist der Sand dermassen aufgeweicht, dass wir bei jedem Schritt mindestens 10cm tief einsinken.

Gemäss Karte sollte nun bald eine Insel kommen, auf der ein kleines Blockhaus steht. Das wäre die Möglichkeit doch noch was Trockenes zu finden. Ein Blockhaus mit einem kleinen Ofen zum Aufwärmen und um die nassen Sachen zu trocken, hört sich fast zu gut an. Wir erreichen die Stelle und fahren langsam am Ufer vorbei. Die Uferböschung ist aber mit ca. 3 Meter so hoch, dass wir darüber nichts erkennen können. Anhalten ist auch nicht möglich da es keine Anlegestelle gibt und das Ufer sehr steil ist. Unsere Sachen hier herauf zu hieven wäre ein enormer Kraftakt. Unvorstellbar. Scheis….. , so wird eben nichts aus dem Traum von einem wärmenden Dach über dem Kopf. Langsam kriege ich einen Kanukoller. Ich könnte mir kaum vorstellen, jetzt noch 2 weitere Tage bei diesem Dauerregen weiterzupaddeln. Aber wenn man mal in dieser Situation ist, gibt es kein zurück mehr. Bis jetzt wurden wir ja zum Glück vom Regen verschont. Das hier soll wohl so ein Test sein, geht es mir durch den Kopf.

Wir nähern uns dem Wolf Creek, der im GPS als Wegepunkt markiert ist. Der Fluss mündet auf der linken Seite in den Nisutlin River und ist etwa halb so gross. Er ist gut zu erkennen, führt aber in dieser Jahreszeit nicht so viel Wasser. Es gibt keine Möglichkeit an der Mündung zu campieren. Wir halten uns rechts und merken deutlich wie unruhig das Wasser wird sobald wir die Mündung erreichen. Wir müssen wieder mit Paddelschlägen das Kanu stabilisieren und ihm die Richtung zu zeigen. Das Tempo hat extrem zugenommen. Vor dem Wolf Creek war der Nisutlin ruhig und hatte eine Fiesgeschwindigkeit von ca. 2 Km/h. Jetzt nach dem Creek zeigt mein GPS 10-12 Km/h an. Endlich geht’s wieder mit grösseren Schritten vorwärts. 2 Kilometer später, es waren wohl die zwei schnellsten Kilometer auf den Nisutlin, erreichen wir die Insel, auf der wir unser Camp aufstellen möchten. Laut Flussführer ist es die letzte richtig gut Stelle für ein Lager vor der Nisutlin Bay. Wir gehen an Land und suchen die Gegend nach Spuren ab. Vermutlich wären wir selbst, wenn wir etwas gefunden hätten nicht weitergefahren, weil wir einfach zu erschöpft waren. Sieben Stunden haben wir heute auf dem Nisutlin verbracht und das grösstem Teils unter sehr misslichen Bedingungen. Da hätte es nur so von Bärenspuren wimmeln können, ich wäre hier nicht mehr weggegangen. Wir befinden uns auf einer Insel bei Km 182. Sie ist recht gross, bewaldet und hat einen Kiesstrand, auf dem wir gut das Lager aufschlagen können.

1935 1933 Wir sind gerade dabei, das Kanu auszuladen, als es endlich aufhört zu regnen. Jetzt oder nie, sage ich zu Gabi. In Rekordtempo stellen wir unser Zelt auf und richten es ein. Ein paar Meter daneben baue ich mit der grossen Plane, Seilen und zurechtgeschnittenen Stöcken einen Unterstand. So können wir wenigstens im Trockenen kochen und essen, wenn auch die gebückte Haltung auf den Rücken geht. Sollten wir wieder mal so eine Kanutour machen, würden wir eine grössere Plane und Teleskopstangen mitnehmen. So könnte man einen viel besseren und komfortableren Unterstand bauen. Unser hier ist mehr oder weniger ein Gebastel, aber er schützt vor dem Regen, der inzwischen wieder eingesetzt hat, und das ist das wichtigste. An ein Feuer ist leider nicht zu denken. Alles ist nass und es gibt auch kaum Holz auf der Insel. Zum Glück funktioniert unser Benzinkocher.

1942p Zuerst hiess es aber, raus aus den nassen Klamotten. In neuer, trockener Kleidung, sieht die Welt doch wieder um einiges besser aus. Es gibt nichts Wichtigeres als 100% wasserdichte Regenbekleidung mitzunehmen. Lieber ein wenig mehr ausgeben, es lohnt sich bestimmt. Zum Dinner gibt es Pilzreis. Im Süden sehen wir die Berge, die in Richtung Nisutlin Bay bzw. Teslin Lake liegen müssen. Wir schaffen es gerade noch mit einer Tasse heissen Kaffee unseren Strandspaziergang zu machen, bevor uns der Regen ins Zelt treibt. Heute war der erste Tag, an dem wir keinen einzigen Menschen gesehen haben.

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