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6. Tag

Nisutlin River

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Datum: 15. August 2006, Dienstag
GPS Koordinaten
:
4. Camp: N60 38.5822 W132 48.1380

 


Bericht:

Es sind keine Wolken mehr gekommen. Die Nacht war klar und eiskalt. Es erstaunt mich immer wieder wie gut unser Zelt isoliert. Als ich heute Morgen so gegen 7.30 Uhr das erste Mal den Kopf nach draussen streckte, kam mir eine Eiseskälte entgegen. Das Aufstehen ist dann doppelt schwer. Zum einen muss man den wärmenden Schlafsack verlassen, zum anderen erwarten einen draussen Temperaturen nur knapp über dem Gefrierpunkt. Dafür scheint die Sonne und die wärmenden Strahlen sind sehr willkommen. Nach einer Erkundungstour rund um unseren Schlafplatz machen wir Frühstück.

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Es war sehr ruhig in dieser Nacht. Auch Gabi hat gut schlafen können. Neue Spuren rund um unser Zelt können wir nicht entdecken. Und von unseren Nachbarn weiter vorne, auf der anderen Flussseite, ist auch nichts zu sehen oder zu hören. Mit unserem reparierten Benzinkocher können wir jetzt, ohne zuvor mühsam Feuer zu machen, einen wärmenden Kaffee trinken. Endlich ein wenig mehr Komfort hier in dieser endlosen Wildnis! Mit etwas Wärme im Bauch, lässt sich auch die mal wieder notwendige Morgentoilette im eisigen Flusswasser leichter ertragen. Rasieren mit Buschmesser à la Crocodile Dundee bleibt aber erspart.

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Auf der gegenüberliegenden Flussseite schaut uns ein junger Weisskopfadler bei der Arbeit zu. Sein Kopf ist noch nicht so weiss wie bei den älteren Tieren. Vermutlich hofft er, nach unserem Verlassen noch was Essbares zu finden. Den Gefallen werden wir ihm aber nicht tun. Fein säuberlich räumen wir wieder unser Lager auf, damit der nächste garantiert nicht sieht, dass hier jemand campiert hat. Wir bepacken unser Kanu. Langsam kommt Routine auf. Jeder von uns weiss, was er zu tun hat und so kommen wir schneller voran. Trotzdem, 2 Stunden vergehen vom Aufstehen bis zur Abfahrt. Der Himmel überzieht sich langsam mit Wolken. Hoffentlich regnet es nicht! Der junge Weisskopfadler sitzt immer noch auf seinem Baumstrunk und schaut uns zu. Langsam nervt er. Irgendwie fühlen wir uns beobachtet. Ich entschliesse mich einen Stein rüber zu werfen (ja, ja ich weiss schon, jetzt wird es Beschwerdebriefe von friedliebenden Tierschützern hageln). Vielleicht fliegt er weg, schraubt sich majestätisch in die Lüfte und ich kann ein schönes Foto machen. Denkste, keine Reaktion. Der weiss genau, dass wir ihm nichts können.

1774 Kaum 20 Minuten auf dem Fluss, sehen wir vor uns 2 Kanus mit 3 Personen. Wir kommen schnell näher, da der Mann im einzelnen Kanu zu fischen versucht. Wie sich herausstellt sind es unsere Nachbarn der letzten Nacht. Ein Tourguide mit zwei Frauen, alle sprechen deutsch, wie man aus dem Hallo und einigen „Wie geht’s denn heute“ Floskeln schliessen kann. Wir fahren weiter. Der Fluss hat jetzt nicht mehr so enge Kurven und die Geschwindigkeit ist merklich zurückgegangen. Mein GPS zeigt ohne Paddelschläge knapp 4 Stundenkilometer an. Der Tourguide von vorhin, hat noch was von Hechten gerufen, die es hier in Hülle und Fülle geben soll. Nun, ich entschliesse es nun auch mal mit dem Fischen zu probieren, jedoch möchte ich zu Anfang nicht gerade sofort ein Hecht an der Angel haben. Das erste Mal versuche ich es vom Boot aus. Das geht zwar nicht schlecht, da ich aber im Kanu hinten sitze, sozusagen der Steuermann bin, kann ich nicht gleichzeitig auch noch angeln. Ich versuche es trotzdem, gebe aber nach ein paar Minuten auf, da mir dieses Unterfangen zu gefährlich ist. Man stelle sich vor, plötzlich beisst tatsächlich ein Hecht an. Ausgewachsene Tiere können eine höllische Kraft entwickeln und unser Kanu in eine gefährliche Situationen bringen. Vor zwei Jahren auf der Wildernesslodge am Francislake habe ich mal so einen Hecht an der Angel gehabt, ich weiss also wie sich das anfühlt!

1763 1764 Inzwischen ist es 12:00 Uhr geworden und wir beschliessen eine Rast zu machen. Ich will mein Anglerglück mal vom Ufer aus probieren.  Die Stelle hier scheint gut geeignet, ruhiges Kehrwasser. Obwohl ich kein Angler bin, bekommt man mit der Zeit so ein Gefühl, wo es Fische haben könnte und wo nicht. Zudem haben wir während der Fahrt ab und zu Fische beobachten können.

Ich habe eine kleine Teleskopangel aus der Schweiz mitgenommen. Nichts besonderes, braucht es auch nicht. Als Köder werden sogenannte Blicker (wir in der Schweiz sagen Löffel) verwendet. Nicht allzu gross, denn das Ziel sind keine Hechte, sondern Forellen oder Äschen. Und dann geht alles blitzschnell. Fast zu schnell für uns. Bereits beim ersten Auswurf zappelt eine Äsche am Hacken. Sie ist aber zu klein, darum lassen wir sie wieder ins Wasser zurück. Beim zweiten Auswurf zappelt aber breites ein richtiges Prachtstück am Angelhacken. Wieder eine Aesche. Wir sind anfangs leicht überfordert. Bis jetzt haben wir noch nie zusammen Fische gefangen und zugegeben, dass es so schnell geht, hätte ich nicht gedacht. Gabi probiert mit aller Mühe den glitschigen und zappelnden Fisch festzuhalten, während ich zuerst mal einen Knüppel suchen muss. Der Fisch zappelt um sein Leben, entwischt und landet auf trockenem Ufer. Zum Glück schaut uns niemand zu. Die Szene wäre reif für eine Episode der „Versteckten Kamera“: Zwei Greenhörner jagen einem 40cm langen Fisch hinterher. Schlussendlich gelingt es Gabi, ihm mit dem Knüppel eins über die Rübe zu hauen. Ich nehme den Fisch gleich an Ort und Stelle aus und werfe die Innereien wieder in den Fluss. Ist mir sicherer, denn so wird sich der Fischgeruch heute Abend in unserem Camp in Grenzen halten. Nach gut 20 Minuten und weiteren 2 Auswürfen haben wir 3 schöne Äschen gefangen, was für ein gutes Nachtessen reichen sollte. Es war ein richtiger Stress. 4-mal habe ich die Angel ausgeworfen, 4-mal war ein Fisch am Hacken. Da soll noch einer sagen, fischen beruhigt!

1761 1767 Den Tourguide und seine zwei Frauen sehen wir heute noch ein paar Mal. Ausserdem begegnet uns noch eine Familie mit 3 Kindern. Sie liessen sich gerade auf einer Sandbank ihr Mittagessen schmecken, als wir an ihnen vorbeizogen. Dieses Mal waren es keine deutschsprechende Touristen. Laut Karte sind wir jetzt ca. bei Kilometer 108. Wir habe somit die Hälfte unsere Reise hinter uns. Der Fluss ist jetzt wieder kurviger. Die Baumstämme im Wasser werden zahlreicher und wir müssen wieder besser aufpassen. Vor allem Gabi vorne im Bug muss mir die genaue Position der Swepper durchgeben, damit ich sie umkurven kann. Unser nächster Lagerplatz sollte bei Kilometer 118 kommen: Eine schöne Sandbank, gut geeignet für ein Camp. Die Gegend hier sieht aber mehrheitlich gleich aus. Die Orientierung ist nicht einfach. Auf geraden Streckenabschnitten ist das Ufer mit Bäumen übersät, die zahlreich ins Wasser ragen. In den Kurven dagegen findet man meistens Sand- oder Kiesbänke, die oft als Rast- oder Lagerplatz geeignet sind. Wir suchen einen grösseren Platz, der gute Übersicht garantiert.Hinter der letzten Flussbiegung erscheint auf der linken Seite eine schöne grosse Sandbank. Das muss der Lagerplatz sein, den ich auf der Karte bei km 118 markiert hatte. Es ist kurz vor 17 Uhr. Wir sind froh wieder ein gutes Camp gefunden zu haben. Die Paddelei der letzten Stunden macht sich langsam in den Oberarmen bemerkbar. Wir sind heute den ganzen Tag mehrheitlich aktiv gepaddelt, damit wir die Geschwindigkeit hoch halten konnten.

1776 Wir gehen an Land und schauen uns die Gegend ein wenig genauer an. Gabi sucht nach Spuren während ich mein GPS kontrolliere. Komisch, laut GPS haben wir den ersten Wegpunkt noch nicht passiert und der sollte eigentlich vor dem Lagerplatz erscheinen. Ich schaue nochmals auf die Karte. Wir befinden uns in einer Flussbiegung, am anderen Ende ist eine Sandbank eingezeichnet. Kein Zweifel wir sind am richtigen Ort. Warum zeigt mir das GPS was anderes an? Ich rufe den Wegpunkt auf, den wir laut GPS passieren sollten. Mein Gerät zeigt 1.56 Kilometer Richtung Osten an (Luftline). Was soll das denn? Ich rufe das markierte Camp bei Km 118 auf, das ebenfalls im GPS vorhanden ist. Resultat: 2.72 Kilometer, Richtung Südosten. Ich bin verwirrt. Ich rufe den letzen passierten Wegpunkt auf. Resultat 14.53 Km nordwestlich. Jetzt bin ich mir nicht mehr sicher ob wir wirklich auf unserem markierten Lagerplatz sind, den ich mir laut Distanztabelle vorgemerkt habe. Der Fluss hat aber auf den letzten paar Kilometer ein paar Mal die Richtung geändert und es könnte ja sein, dass wir den, laut GPS vor uns liegenden Wegpunkt, bereits passiert haben. Vielleicht habe ich zuhause auch was falschen eingegeben und darum stimmen jetzt die Distanzen nicht mehr. Das GPS lief auch nicht den ganzen Tag, vielleicht habe ich tatsächlich den Wegpunkt verpasst. Beunruhigen tut mich das nicht gross, schliesslich können wir uns auf diesem Fluss nicht „verfahren“. Es ärgert mich einfach, dass ich nicht weiss, wo wir uns jetzt genau befinden. Das GPS zeigt mir zwar die genaue Position an, nur kann ich diese Angaben nicht auf die Karte übertragen, da mir da die Längen- und Breitengrade fehlen.
(Auf der Googlekarte Teil 3, habe ich den geplanten Lagerplatz bei 118 Km eingezeichnet. Wie man sieht, sind die Gegebenheiten gegenüber den tatsächlichen Lagerplatz fast identisch.)

Wenn ich den Verlauf des Flusses so anschaue, kommt nach unserem jetzigen Lagerplatz eine Rechtskurve. Genauso sieht es auch auf der Karte aus. Wir werden es ja morgen sehen. Wenn wir weiterfahren, müssen wir zwangsläufig an unseren Wegpunkten vorbeikommen und erst dann kann ich wieder die exakte Position bestimmen.
Wir befinden uns auf einer grossen Sandbank, die im Gegensatz zu den bisherigen aus viel weicherem Sand besteht. Der Untergrund ist natürlich ideal für das Zelt, aber mühsam wenn man darauf laufen muss. Auf der Linken Seite ist ein kleines Sumpfgebiet, wo wir frische, tiefe Elchspuren sehen. Bärenabdrücke können wir keine finden.

1780 1782 Wir machten gerade unseren Lagerplatz fertig, Gabi räumte das Zelt ein und ich machte unsere Küche startklar, als der Tourguide mit seinen zwei Frauen auf unserer Sandbank stoppte. „Hallo zusammen“, ruft er von weitem her. „Ist es erlaubt auch hier zu campen?“ Ein ungeschriebenes Gesetzt sagt, dass man die Leute zuerst fragt, bevor man sich auf die gleiche Sandbank niedersetzt. „Kein Problem, es hat genügend Platz“ rufe ich zurück. Sie steigen aus und kommen auf uns zu. Der Tourguide ist ein Deutsch-Kanadier und die beiden Frauen kommen aus der Schweiz. Sie sind jedoch wortkarg und sagen nicht viel. Der Tourguide läuft mit seinem Bärenspray die Insel ab. Alles sieht ein bisschen gar abenteuerlich aus. Wir hätten keine Bärenspuren ausfindig machen können, erzähle ich ihm. Ihn scheint das aber nicht gross zu beeindrucken. Was soll mir schon dieses Greenhorn sagen wie es in der Wildnis abgeht, da schaue ich doch lieber selber nach, wird er sich wohl denken. Nach 15 Minuten steigen die Drei wieder ins Kanu und fahren davon ohne ein Wort des Abschieds. Gabi schaut ihnen verwundert nach. Hatte der Mann etwas entdeckt und ist deshalb weitergefahren? Wir werden es nie erfahren.

1785 1786 Heute gibt es zum Nachtessen Fisch in Alufolie mit Kartoffeln. Die Zubereitung ist recht aufwändig, denn die glitschigen Fische von den Schuppen zu befreien braucht Zeit. Aber dafür schmeckt es wunderbar. Nach dem Essen wird alles fein säuberlich geputzt. Wir wollen nicht, dass sich der Fischgeruch in unserem Camp breit macht.

1797 Am Abend machen wir dann noch einen Rundgang über unsere Sandbank. Ab und zu hab wir das Gefühl Stimmen zu hören. Wir vermuten mal, dass die Familie mit den Kindern, die wir unterwegs überholt haben, irgendwo in unserer Nähe campiert. Sehen tun wir aber nichts. Der eine oder andere Leser wird sich langsam fragen, warum die Moskitos nie erwähnt werden. Nun, es gab sie nicht. Jedenfalls nicht in dem Ausmass wie wir es eigentlich erwarten hatten. In Whitehorse hatten wir uns ja extra ein Oberkörper-Moskitonetz gekauft, weil in allen Flussführern vor diesen Plagegeisern gewarnt wurde. Vor einem Jahr erst am Liard Trail hatten wir schmerzliche Erfahrung mit den gierigen Insekten gemacht. Hier am Nisutlin River hatten wir bis jetzt nur an der Rose River Bridge, ganz zu Beginn unsere Kanureise, mit den Moskitos zu kämpfen gehabt. Seither verhalten sie sich relativ ruhig, so dass ein Mückenspray ausreicht. Aber Achtung: es sollte schon das starke Muskolspray zum Einsatz kommen und nicht eines dieser harmlosen Sprays, die man in Europa kaufen kann. Darüber würden die hiesigen Moskitos nur lachen.

 

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