Reiseberichte, Mountainbiken und Videofilmen


5. Tag

Nisutlin River

kanu-tag51 kanu-tag52 kanu-tag53

Datum: 14. August 2006,Montag
GPS Koordinaten
:
3. Camp: N60 46.4348 W132 58.2255

 


Bericht:

Es ist kurz vor Mitternacht als uns Wolfsgeheul aus dem Schlaf reisst. Drei, viermal hören wir einen einzelnen Wolf. Die Lautstärke sagt mir, dass er nicht weit entfernt sein kann. Da wir auf einer Insel campieren, machen wir uns keine grossen Sorgen über einen möglichen Besuch. Zudem greifen Wölfe keinen Menschen grundlos an. Dennoch, live einen Wolf heulen zu hören ist schon was Spezielles. Wölfe sind sehr scheue Tiere und es braucht sehr viel Glück, um einen in freier Wildbahn zu sehen. Obwohl wir schon ein paar Mal in Kanada waren, gesehen haben wir bis jetzt noch keinen. 

Der Rest der Nacht verlief dann ereignislos. Durch das relativ kalte Wetter musste ich jedoch 1-2mal auf’s WC. Frauen scheint die Kälte weniger auf die Blase zu schlagen: Gabi schläft durch. Damit ich nicht immer hinaus muss, habe ich eine verschliessbare Box mitgenommen. Die kann ca. einen Liter Flüssigkeit aufnehmen und steht über Nacht draussen im Vorzelt. So kann ich dann das Geschäft im Innern machen und muss nicht immer ganz hinaus. Sehr praktisch. Funktioniert bei Frauen leider nicht.

1707 1704 1701 Um 8.00 Uhr stehen wir auf und machen wie immer zuerst unseren Rundgang: schauen ob neue Tierspuren dazugekommen sind. Auch mit dem Fernglas suche ich die Gegend ab und sehe dabei, dass unsere Nachbarn immer noch im Tiefschlaf liegen. Wir machen Frühstück, das gleiche wie gestern. Anschliessend heisst es wieder Zelt abbrechen, einpacken, verstauen. Langsam haben wir es im Griff, dennoch verstreichen bis zur Abfahrt 2 ½ Stunden, es gibt einfach viel zu tun. Gegen 10.30 Uhr setzen wir das Kanu wieder in den Nisutlin. Unsere Nachbarn sind inzwischen auch eifrig daran einzupacken. Ich schätze mal, dass wir ca. eine halbe Stunde Vorsprung haben werden.Wir kommen gut voran. Der Nisutlin ist an dieser Stelle recht flott unterwegs. Mein GPS zeigt, inkl. paddeln, 10 und mehr Kilometer pro Stunde an. Es gibt ein paar Wellen, die darauf zurückzuführen sind, dass der Fluss wenig Wasser führt und die knapp unterhalb der Wasseroberfäche liegenden Steine diesen Wellengang herbeiführen. Auf der Karte von Mike Rourke sind in diesem Abschnitt gefährliche Steine aufgeführt, daher muss Gabi, die vorne sitzt, besonders gut die Strömung beobachten und notwendige Richtungsänderungen durchgeben, während ich versuche das Kanu um die Hindernisse zu steuern. Das klappt ohne Probleme, langsam haben wir unser „Schiff“ im Griff.

1710 1716 Nach einer Stunde erreichen wir, bei Kilometer 55, den Nisutlin Campground. Wir halten an und schauen uns ein wenig um. Hier an dieser Stelle ist ebenfalls ein beliebter Ort um in den Nisutlin River einzusteigen. Von hier aus sind es ca. 5 Tage bis Teslin. Der Campground verdient aber seinen Namen kaum. Es gibt zwei Plumpsklos, ein paar Hinweisschilder und eine Parkbank. Alles sieht recht verwildert aus. Richtige Stellplätze für Wohnmobile fehlen gänzlich. Der Ort macht auf uns eher den Eindruck eines Tages-Rastplatzes. Kaum hab ich das gesagt, fährt ein mittelgrosses Motorhome in die Lichtung hinein. Es ist ein deutsches Ehepaar aus München, das schon seit 6 Wochen unterwegs ist und jetzt noch die letzten Tage bis Whitehorse geniesst. Die Frau sieht ein bisschen gestresst aus, als ihr Mann, kaum aus dem Motorhome ausgestiegen, schon mit der Angelrute zum Ufer unterwegs ist. „Immer das gleiche“, jammert die Frau während ihr Mann schon am Fluss unten ist. „Kaum sieht er Wasser, muss er schon die Angelrute hervornehmen.“ Sie sei langsam froh, dass es bald wieder nach Hause gehe, erzählt sie uns weiter.

Während wir uns unterhalten und was kleines Essen, sehen wir, dass die Kanugruppe von unserer nächtlichen Nachbarinsel am Flussufer halt macht. Es sind tatsächlich 6 Personen in 3 Kanus. Eine Frau, ein Junge, ca. 11 Jahre alt und 5 bärtige Männer. Wir stellen uns kurz vor und erfahren, dass sie aus Deutschland sind. Sie leben in Konstanz am Bodensee, also nahe der Schweizer Grenze. Sie sind ebenfalls am Sonntag am Rose River eingestiegen. Sind dort aber bereits am Samstag angekommen und haben auf der Sandbank übernachtet. Wir haben sie demnach nur um wenige Stunden verpasst. Obwohl wir am Sonntag die Sandbank gründlich nach Spuren untersucht haben, ist uns der Aufenthalt der 6 köpfigen Truppe nicht aufgefallen. Sie haben also so wie alle Kanuten es machen sollten, alle Spuren verwischt.

Als ich so auf ihre Kanus schaue, sehe ich mit Erstaunen wie gut die Truppe ausgerüstet ist. „Das meiste haben wir von zuhause mitgenommen“ erzählt mir der vermeintliche Tourführer. Die Ausrüstung ist je nach Vermietstation nicht immer in Top Zustand, daher vertraue er nur solchem was er auch selber gekauft und getestet habe, erzählt er mir weiter. Nun, wir sind ja auch nicht so schlecht ausgerüstet, ausser dass unser Benzinkocher nicht so will wie wir es gerne hätten. Das war jetzt die Gelegenheit! Vielleicht habe die eine Idee warum unser Kocher nicht funktioniert. Kurze Zeit später ist unser Benzinkocher das Gesprächsthema. Mit einem defekten Benzinkocher durch die Wildnis zu fahren, sei nicht gerade die angenehmste Art, vor allem dann nicht, wenn es regnet und kalt ist, erklärt die Crew vom Bodensee und holt auch schon ihr Werkzeug aus dem Kanu. Zwei von der Truppe machen sich an die Arbeit, Mechaniker, die sich mit Verbrennungsmotoren gut auskennen, wie wir im Laufe des Gesprächs erfahren.
Was ich mir schon beinahe vorgestellt habe, bewahrheitet sich jetzt. Die Benzinzufuhr ist verstopft und daher funktioniert das Ding nicht. Die Zwei nehmen den ganzen Kocher auseinander und reinigen ihn. Anschliessend wird er wieder zusammengesetzt. Beim anschliessenden Funktionstest klappt die Zündung bereits beim ersten Mal, super. Die Flamme brennt gleichmässig und ist gut regulierbar. Jetzt steht einem Lagerfeuer Kaffee nichts mehr im Wege. Ohne diese freundlichen Menschen hätte wir den Kocher nicht reparieren können, weil uns schlicht das Werkzeug fehlte. Sollten wir wieder mal auf Kanutour gehen, wird so ein multifunktionales Werkzeugtool auf jeden Fall vorher besorgen.

1718 1738 Nach über einer Stunde auf dem Campground wurde es langsam Zeit wieder aufzubrechen. Wir verabschiedeten uns in dem Glauben, dass wir uns wahrscheinlich noch ein paar Mal begegnen würden. Die 6-köpfige Truppe will noch eine Weile am Campground bleiben und so werden wir wieder ca. eine halbe Stunde Vorsprung haben.

 
1729 Die Gegend nach dem Campground ist sehr schön. Der breite Nisutlin dämpft zwar die Geschwindigkeit, dafür ist das Ufergebiet umso attraktiver. Wir fahren durch eine canyonartige Landschaft mit hohen Felswänden. Es ist recht kurvenreich, aber gemütlich zu fahren und die Sonne wärmt jetzt ordentlich. Hier in dieser Gegend, oberhalb der kalkigen Felswände, führt die South Canol Road vorbei. Wir können aber weder etwas hören noch sehen. Bei ca. Km 68 erreichen wir eine sehr schöne Sandbank in einer linken Canyonkurve, die ideal zum Campieren wäre. Auf der rechten Seite ragen die hellbraunen lehmhaltigen Felswände hoch in den Himmel hinauf. Schade, wir können leider nicht anhalten, denn sonst würden wir unser Tagesziel nicht mehr vor Einbruch der Dunkelheit erreichen. Wir sind jetzt schon in Verzug durch den Aufenthalt am Campground.

1733 17301 1726 Kaum haben wir die nächste Kurve passiert, sehen wir auf der rechten felsigen Seite vor uns drei Elche: eine Elchmutter mit zwei Jungen. Die Tiere haben uns bemerkt und marschieren jetzt am Ufer entlang voraus. Wir sind aber schneller, was die Elchmutter schnell registriert und fluchtartig versucht die steilen Felswände hochzuklettern, was aber misslingt. Wir wollen die Tiere nicht beunruhigen und bremsen unser Kanu ab, so gut die Strömung dies zulässt. Die Elchmutter sieht uns langsam immer näher kommen und entschliesst sich den Fluss zu durchqueren. Die beiden Jungen folgten der ihr und alle drei durchqueren den Nisutlin River nur ca. 50 Meter vor unserem Kanu – ein tolles Schauspiel. Kaum ist die kleine Familie auf der anderen Seite angekommen, verschwindet sie ins Dickicht der Uferböschung. Es war unsere erste Elchbegegnung auf den Nisutlin. Der Ranger an der Rose River Bridge hatte demnach nicht unrecht, als er prophezeite, wir würden wahrscheinlich Wölfe heulen hören und ab und zu würde ein Elch unseren Weg kreuzen. Beides hatte sich bereits bewahrheitet und dabei waren wir erst den dritten Tag unterwegs. Nur Mister Petz hat sich bis jetzt nicht blicken lassen. Aber wenn ich ehrlich bin, ist mir das ganz recht. Die Zeit wird kommen und dann würden wir auch ihn in unserem Blickfeld haben, davon war ich fest überzeugt. Und wie recht ich behalten sollte!

1723 Von hier an verlässt der Nisutlin sein Bett parallel zur Canol Road und schlägt einen andere Richtung ein. Somit war die letzte Gelegenheit für uns, zurück zur Zivilisation zu kehren, nun vorbei. Die nächsten 120 Kilometer fliesst der Fluss durch das einsame Nisutlin Tal ohne irgendeinen Anschluss an menschliche Siedlungen. Wir waren nun definitiv auf uns allein gestellt.

 
1725 Es ist bereit 17 Uhr und wir sind auf der Suche nach einem Lagerplatz. Langsam macht sich das Paddeln in unserem Oberkörper bemerkbar. Die 10 Stundenkilometer, die der River heute Morgen noch hatte, sind um die Hälfte zusammengeschrumpft. Auch der Himmel hat mittlerweile sein Gesicht geändert: Während heute Morgen noch die Sonne lachte, ist es jetzt stark bewölkt und die Berghänge in der Ferne scheinen bereits regenverhangen. Laut meinem GPS müssen wir jeden Tag ca. 30 Flusskilometer zurücklegen, damit wir in 7 Tagen Teslin erreichen. Diese Kilometerzahl haben wir jetzt erreicht, somit können wir langsam Ausschau nach einer Sandbank für unser Nachtlager halten. Auf den Satellitenbildern von Google Earth ist bei ca. Kilometer 80 eine schöne breite Sandbank zu sehen und genau diese möchten wir ansteuern.

1752 1769 Es ist 17.30 Uhr als wir die Sandbank erreichen, die eher an einen Strandabschnitt mit vielen Sträuchern erinnert. Wir gehen trotzdem an Land und schauen uns die Gegend eine wenig genauer an. Wir befinden uns in einer lang gezogener Linkskurve, die recht gut überschaubar ist. Ca. 20 Meter vom River entfernt gibt es mannsgrosse Sträucher, die einen guten Schutz bieten. Weiter hinten ist dann der Wald zu sehen. Der Fluss fliesst hier sehr ruhig und ist ca. 20 Meter breit. Wir sehen auf unserem Rundgang etliche Tierspuren, wobei die meisten schon älter sein dürften. Wir beschliessen hier zu bleiben, auch weil das Wetter immer unfreundlicher wird.

1766 1767 Wir entladen das Kanu und beginnen mit dem Zeltaufbau. Plötzlich sehen ich ca. 800 Meter vor mir auf der anderen Flussseite jemanden herumlaufen. Durchs Fernglas kann ich drei Personen erkennen: Zwei Frauen und ein Mann. Der Mann ist am fischen und die beiden Frauen suchen Holz. Ihr Zelt kann ich nicht ausmachen, es muss daher hinter den vielen Baumstämmen liegen. Wir sind demnach wieder nicht alleine in dieser Nacht, was uns aber keineswegs stört, schliesslich sind sie weit genug entfernt, um uns nicht auf die Nerven zu gehen. Jedem seine kleine Freiheit, die Wildnis ist ja gross genug hier! Die 6-köpfige deutsche Truppe hat uns übrigens nicht überholt. Ich denke, sie werden irgendwo weiter Fluss aufwärts übernachten.

Das musste ja sein: Ausgerechnet als wir mit dem Essen beginnen wollten – der Spaghettitopf hing schon über dem Feuer – fing es an zu regnen. Ein kräftiger Schauer prasselt auf uns nieder während wir uns im Eiltempo in unsere Regenbekleidung kämpfen. Nach 10 Minuten war der Spuk schon wieder vorbei und die Spaghettis leicht verkocht. Entschädigt wurden wir dafür mit 2 riesigen übereinander stehenden Regenbögen. Der eine schien direkt im Fluss zu versinken. Ein super Bild! Auch der Sonnenuntergang, den wir an diesem Abend noch erleben durften, war wunderschön: die Luft klar, vom Regen gewaschen, das Licht weich und goldig. Eine tiefe Ruhe legte sich über den Fluss, selbst die kleinen Wellen, die gegen die Kiesel am Ufer schlugen, trauten sich kaum Lärm zu machen.

Wir sassen lange Zeit einfach nur da und schauten zu, wie der schwache Wind die letzten Wolken an den Berghängen vorbei trieb und der Himmel immer klarer wurde. Es war bereits recht kalt und wenn keine neuen Wolken kämen, müssten wir uns auf eine frostige Nacht einstellen.

1747 1770 1774 1745

 

 


Es war gegen 22 Uhr als wir zu Bett gingen. Auf meinem letzten Rundgang zuvor hatte ich nichts Verdächtiges bemerkt. Keine Tiere oder Spuren. Es war ruhig wie in den Nächten zuvor. Auch die 3 Personen, die vor uns campierten, waren nicht mehr zu sehen, nicht einmal Rauch von ihrem Lagerfeuer. Ob die wohl noch da waren?

 

top, weiter