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4. Tag

Nisutlin River

kanu-tag41 kanu-tag42 kanu-tag43 Datum: 13. August 2006, Sonntag
GPS Koordinaten:
2. Camp: N60 58.2992 W132 55.6760

 

 


Bericht:

„Aua, was soll das“? Soeben hat mir Gabi ihren Ellenbogen in meine rechte Rippe gestossen. “Da draussen ist jemand“. „Moment, was ist los?“ ich bin noch schlaftrunken und kaum richtig wach. „Da draussen läuft jemand herum“. „Wo draussen? Wir sind über 100 Kilometer von der Zivilisation entfernt, hier läuft bestimmt niemand herum“. „Doch“, Gabi ist ganz aufgeregt und zittert vor Angst. „Ich habe Geräusche gehört, da draussen läuft ein Tier oder sonst wer herum“, erzählt sie weiter. „Ein Tier? bis jetzt habe ich noch nichts gehört.“ „Du musst ganz ruhig sein, vielleicht hört man es wieder“, erzählt sie weiter. Wir liegen im Schlafsack und lauschen. Mein Puls steigt langsam. Hat Gabi tatsächlich was gehört? Läuft wirklich ein Tier um unser Zelt herum? Ich kann es mir kaum vorstellen. Ich schaue auf meine Uhr. Es ist 00:35 Uhr. Wir lauschen, aber ich kann beim besten Willen nichts hören. Es ist totenstill. Wenn jemanden draussen eine Stecknadel fallen lassen würde, wir würden es sofort registrieren. Plötzlich ein Planschen. „Da ist es wieder“, Gabi ist ganz aufgeregt. „Ist ja gut, jetzt habe ich es auch gehört“, langsam werde auch ich nervös. Was war das? Eventuell ein Elch, der durch den Fluss läuft? Nein, dann würde man das Planschen weiterhin hören, aber jetzt ist es wieder totenstill. Mein Puls steigt weiter. Was war das bloss? Gabi gesteht, dass sie bis jetzt gar nicht richtig schlafen konnte und Angst hat. Ich hingegen habe ohne Probleme schlafen können – aber damit ist es jetzt auch bei mir vorbei. „Kannst du nicht mal schauen gehen was da los ist?“ fragt mich Gabi. Ich habe mir schon gedacht, dass sie das fragen würde und irgendwie gefällt mir diese Vorstellung gar nicht. „Da draussen ist bestimmt niemand“, versuche ich Gabi zu beruhigen, „und wenn schon, Tiere greifen keine Menschen grundlos an und schon gar nicht wenn sie sich im Zelt befinden.“ Sie lässt aber nicht locker. Wir liegen im Schlafsack und lauschen weiter. Soll ich wirklich rausgehen und nachschauen? Ich versuche meine wirren Gedanken zu ordnen. Was bringt das, wenn ich jetzt nach draussen gehen? Sehen werde ich sowieso nichts, da es ja stockdunkel ist. Da, schon wieder das Planschen! Aus Gabis Schlafsack schaut inzwischen nur noch die Nasenspitze heraus.

Es bleibt mir nichts anderes übrig als aufzustehen und nachzuschauen was da los ist. Mir ist aber gar nicht wohl dabei. „Wo haben wir schon wieder unsere Taschenlampe hingelegt“, frage ich Gabi. „Sie müsste bei dir oben am Kopfende liegen“. Ich greife zu und nehme auch noch gleich mein Sackmesser mit, das ich vor dem Einschlafen neben der Lampe deponiert hatte. Man weiss ja nie. Ich mache langsam meinen Schlafsack auf und öffne den Reissverschluss des Innenzeltes. Kalte Luft kommt mir entgegen. Ich bin überrascht wie gut unser Innenzelt die Wärme isoliert. Ich ziehe mir meine Schuhe an und binde sie zu. Falls ich vor irgendetwas davon springen müsste, möchte ich nicht gleich über meine eigenen Füsse stolpern. Wie war das noch mal mit dem Bärenspray, geht es mir durch den Kopf.

Bei unserer Reisevorbereitung kam auch das Thema Bärenspray zur Sprache. Die Meinungen in diversen Internetforen und auch Flussführern gehen da auseinander. Die einen würden ohne Bärenspray niemals in die Wildnis gehen, andere berichten hingegen, dass so ein Mittel die Sicherheit eigentlich nur künstlich erhöht. Sprich, wer so ein Spray auf sich trägt, wiegt sich schnell in falscher Sicherheit und macht vielleicht Sachen, an die er ohne gar nicht denken würde. Eines muss man dazu wissen: Ein Bärenspray entfaltet seine Wirkung erst, wenn sich der Bär ca. 3-5 Meter vor einem befindet. Wer sich in so einer Situation befindet, hat schon mal im Vorfeld etwas falsch gemacht. Bären greifen Menschen nicht grundlos an. Erst wenn sie sich bedroht oder überrascht fühlen, kann es zu einem Angriff kommen. Deshalb nie einem Bären folgen, schon gar nicht wenn er Junge dabei hat. Bei Wanderungen und auch in unserem Camp tragen wir immer eine Bärenglocke, so können uns die Bären hören und vor uns fliehen, noch bevor sie uns überhaupt sehen.

Wir haben uns entschieden kein Bärenspray mitzunehmen. Jetzt wo ich den Reisverschluss des Aussenzeltes öffne, wäre mir wohler gewesen doch eines dabeizuhaben. Aber eben, jetzt gibt es da nichts mehr zu ändern. Durch den geöffneten Reissverschluss  leuchte ich mit der Taschenlampe in die Nacht. Der Strahl reicht aber nur wenige Meter und bringt nicht wirklich Klarheit. Es ist stockdunkel. Der Himmel ist bedeckt, so dass nicht mal der Mond ein wenig Licht spendet. Mit Taschenlampe und Sackmesser bewaffnet steige ich in die kalte Nacht hinaus. Mein Puls ist nochmals um 20 Schläge gestiegen. Mein Blick streift ums Zelt herum immer dem Lichtkegel meiner Taschenlampe hinterher. Es ist ruhig. Ich lausche, kann aber nichts hören und schon gar nichts erkennen. Super Taschenlampe habe ich da, geht es mir durch den Kopf. Der Strahl leuchtet höchstens 10 Meter weit. Wie soll ich da was erkennen? Ich laufe langsam ums Zelt herum. Immer wieder leuchte ich hoffend in die Nacht hinaus, wo mein Lichtstrahl erbarmungslos in der Dunkelheit verschwindet. Sollte sich tatsächlich ein Tier in der Nähe befinden, würde es jetzt wahrscheinlich davonlaufen oder in den Lichtkegel schauen und ich könnte so seine Augen sehen. Ich bin auf alles gefasst, aber nichts passiert. Ich suche nach neuen Spuren rund ums Zelt. Auch Fehlanzeige. Ich entferne mich langsam vom Zelt und laufe zum Fluss hinunter. Stockdunkle Nacht. Ich erreiche das Ufer und auch unser Kanu. Auch hier ist nichts Verdächtiges zu sehen oder zu hören. Der Nisutlin River fliesst gemächlich und ruhig dahin. Das andere Ufer kann ich nicht erspähen. Das Licht der Taschenlampe reicht nicht aus. Vielleicht hat sich ein Tier an unseren Nahrungsmitteln vergriffen, geht es mir durch den Kopf. Ich laufe wieder zurück zum Zelt. Gabi ist inzwischen auch aufgestanden und streckt den Kopf aus dem Zelt hinaus. „Hast du was sehen können?“ „Nichts, gar nichts. Ich werde mal zu unserem Lebensmittelplatz laufen und dort nachsehen“. „Pass aber auf“, gibt sie mir als Ratschlag auf den Weg. Langsam bewege ich mich auf unseren Vorratsplatz zu, ca. 80 Meter von unserem Zelt entfernt. Das einzige Geräusch, das ich wahrnehme, sind meine eigenen Schuhe, die im weichen Kies versinken. Immer wieder bewege ich die Taschenlampe hin und her um mit meinem bescheidenen Lichtkegel eventuell doch etwas zu erkennen. Nach kurzer Zeit erblicke ich unser Lebensmittellager. Ich halte Abstand und versuche mit der Taschelampe Licht ins Dunkel zu bringen. Vielleicht schaut mich jetzt ein Tier an. Ich öffne sicherheitshalber mal mein Sackmesser und ergreife einen Stock. Es passiert aber auch hier nichts. Es sieht alles noch so aus wie wir es vor ca. 3 Stunden verlassen haben. Die Abdeckplane, die ich über die Lebensboxen gelegt hatte, wurde nicht verschoben. Hier war definitiv kein Tier. Auch Spuren kann ich keine neuen entdecken. Während ich langsam zurück zum Zelt gehe, sinkt mein Puls wieder in den normalen Bereich. Gabi ist derweil aus dem Zelt gestiegen um aufs WC zu gehen. Ihr hat die Angst buchstäblich auf den Magen geschlagen. Auch ich erledige noch schnell mein Geschäft, bevor wir ein bisschen beruhigt aber immer noch angespannt wieder zurück ins Zelt kriechen, um in unsere wärmenden Schlafsäcke zu kommen. Ich weiss nicht was Gabi gehört hat bevor sie mich geweckt hat, aber das war bestimmt kein grösseres Tier. Das Planschen im Fluss könnte ein springender Fisch gewesen sein, anders kann ich mir das Geräusch nicht erklären. Die anderen Geräusche könnten von Vögeln herrühren, die durch die Bäume oder Sträucher geflogen sind. Solche haben wir nämlich direkt hinter unserem Zelt.
Der Rest der Nacht verläuft ruhig.

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Es ist 7.45 Uhr. Die aufgehende Sonne wärmt langsam unser Zelt. Es ist aber immer noch recht kalt. Unser Thermometer zeigt 8 Grad an. Wir stehen auf. Gabi sieht ein bisschen mitgenommen aus. Sie hat nicht viel geschlafen.

Kaum aufgestanden marschiere ich zu unserem Lebensmittellager. Es sieht immer noch so aus wie heute Nacht. Hier war definitiv niemand. Auch etwelche neue Spuren kann ich keine entdecken. Wir machen Frühstück. Brot, Kaffee, Konfitüre, Butter alles haben wir dabei. Da wir ja unseren Benzinkocher nicht gebrauchen können, müssen wir ein Feuer machen, um wenigstens einen wärmenden Kaffee zu bekommen. Nach der ereignisreichen Nacht will aber bei uns beiden kein richtiger Appetit aufkommen.

Das Aufräumen unseres Lagerplatzes nimmt mehr Zeit in Anspruch als wir uns vorgestellt hatten. Mühsam sind vor allem die 50 Meter, die durch den weichen Sand zum Kanu führen und da wir ja viel Gepäck haben, müssen wir diese Strecke mehrmals gehen. Im Flussführer haben wir gelesen, dass man sein Camp so aufräumen soll, dass der nächste Besucher nichts davon merkt, dass hier jemand campiert hat. Auch das haben wir uns zu Herzen genommen, dabei sollte man natürlich auch keinen Abfall liegen lassen sondern alles verbrennen oder gegebenenfalls mitnehmen.

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2 ½ Stunden nach dem Aufstehen sind wir wieder abfahrtsbereit. Von unserem Aufenthalt zeugen nur noch unsere Fussabdrücke im Sand. Es ist kurz nach 10.00 Uhr. Heute werden wir zum ersten Mal den ganzen Tag auf dem Fluss verbringen. Unser Tagesziel ist ca. 32 Kilometer entfernt und wenn der Fluss weiterhin so flott unterwegs ist wie gestern, werden wir etwa 4-5 Stunden dafür brauchen, so meine Einschätzung.

 

1663 Der Nisutlin, hier im oberen Bereich, ist immer noch recht eng und manchmal nur gerade 40 cm tief. Steine, Baumstämme, sowie leichter Wellengang verlangen ständige Aufmerksamkeit, machen die Tour aber auch interessant. Eigentlich alles keine grossen Herausforderungen, aber für uns Kanu-Greenhorns ist das ständige Flusslesen schon nötig, schliesslich wollen wir weder auflaufen noch leckschlagen. Der Fluss hat weiterhin ein flottes Tempo drauf. Mein GPS zeigt 6-7 Km/h an und wir müssen mit unseren Paddelschlägen eigentlich nur die Richtung angeben. Ab und zu paddel wir, wodurch sich die Geschwindigkeit schnell mal auf 9 Km/h erhöht.

1662 1665 Ab Km 20 wird der River allmählich breiter und gemächlicher. Zum ersten Mal gibt es längere Abschnitte ohne Kurven. Die Geschwindigkeit nimmt langsam ab und erreicht so 4-5 Km/h. Der Wasserstand variiert aber weiterhin sehr stark. Manchmal kann man den Grund kaum erkennen und dann plötzlich hat man nur noch 40cm unter sich. Wir gleiten langsam dahin, lauschen, schauen und geniessen die Einsamkeit. Es ist eine wunderschöne Gegend. Das Wetter zeigt sich aber nicht gerade von der besten Seite. Immer wieder verdrängen dunkle Wolken die wärmende Sonne und einmal fängt es sogar an zu regnen. Gut haben wir den Regenschutz nicht all zu weit weggelegt. Wir müssen aber an Land gehen, damit wir wenigsten die Jacke anziehen können. Der Schauer ist Gott sei Dank nur von kurzer Dauer und bald blinzelt die Sonne wieder hervor.

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Auf der Karte von Mike Rourke sind bei Km 30 alte Cambins (Blockhäuser) eingezeichnet. Ich habe mir die Koordinaten über Google Earth in mein GPS eintragen lassen. Es funktioniert hervorragend. Ein Blick auf mein GPS sagt mir, dass die Cambins nur noch 200 Meter von uns entfernt sind und tatsächlich erscheinen sie kurz darauf auf der rechten Flussseite. Wir gehen an Land und ziehen das Kanu auf den kleinen Kiesplatz. Zum Glück führt der Nisutlin wenig Wasser ansonsten könnte man hier kaum anhalten. Wir schlagen uns durch’s Gebüsch und erblicken nach wenigen Metern 4 Blockhäuser. 3 von ihnen sind schon arg zerfallen. Das vierte macht aber einen besseren Eindruck. Es hat sogar noch ein Dach und im Innern sind diverse Möbelstücke erkennbar, ansonsten sieht es aber nicht sehr stabil aus. Jedenfalls würde ich eine Übernachtung im Zelt vorziehen. Wir schlendern noch ein wenig herum und sehen diverse Holzkisten, Regale und sogar einen Schlitten. Bald beginnen die zahlreichen Moskitos zu nerven und so begeben wir uns wieder zum Fluss hinunter. Wer wohl in diesen Hütten gewohnt hat und wie die wohl dahingekommen sind? Fragen, die uns hier und jetzt niemand beantworten kann.

1681 1682 Wir essen noch eine Kleinigkeit und fahren dann wieder weiter. Kaum sind wir 15 Minuten auf dem Wasser erblicke ich weiter vorne etwas Rotes im Wasser. „Gabi, gib mir schnell das Fernglas.“ Ich sehe was ich eigentlich schon erwartet habe, ein Kanu mit zwei Insassen.  Ich schätze die Distanz auf ca. einen Kilometer, vielleicht auch anderthalb. Wir sind also doch nicht alleine unterwegs. Vielleicht holen wir sie ja noch ein, mal sehen.

Der Fluss wird wieder kurvenreicher und auch die Geschwindigkeit nimmt zu. Wir befinden uns bei Km 38. Das Kanu, das wir vorhin durchs Fernglas erblicken konnten, sehen wir jetzt nicht mehr. Der Vorsprung ist zu gross. Vielleicht sehen wir sie später wieder. Unsere Aufmerksamkeit gilt jetzt dem Fluss, denn der Wasserstand ist auf gefährliche 40 cm gesunken. Grössere Steine knapp unter der Wasseroberfläche provozieren einen regelrechten Wellengang. Wir kämpfen uns durch das unruhige und schnell fliessende Wasser und müssen immer gut Ausschau halten, dass wir nicht einen darunterliegenden Stein erwischen. Mein GPS zeigt 11 Stundenkilometer.

Es ist bereits 16 Uhr und wir sind immer noch am paddeln. Wir sitzen jetzt bereits über 6 Stunden im Kanu und haben eigentlich keine grösseren Pausen, abgesehen von den Bockhausbesichtungen, gemacht. Langsam machen sich unsere Oberarme bemerkbar. Eigentlich sollten wir schon längst am Lagerplatz sein, aber der Nisutlin fliesst nicht mehr so schnell und dadurch kommen wir nur noch langsam voran. Auch geeignete Lagerplätze waren in letzter Zeit Mangelware. Auf der Karte von Mike Rourke sind auf diesem Teilstück auch keine Camps eingezeichnet und das nächste, was er erwähnt, ist noch ein gutes Stück von uns entfernt.

Die Gegend ist extrem ruhig. Eigentlich ungewöhnlich für so eine wunderschöne Landschaft. Man würde erwarten, dass hie und da ein Vogel zwitschernd vorbeifliegt. Aber nichts da. Nur das leise Gleiten des Kanus, die kleinen Wellen, die sich vorn am Bug brechen, belebt die Stille. Plötzlich durchbricht ein Rufen die Stille. „Wie weit ist es noch bis zum Campingplatz?“, ertönt es in saubern deutsch. Was, wie, wo? Wir schauen uns an und registrieren erst jetzt, einen bärtiger Mann am Ufer der Insel, die wir gerade passieren. „Wie weit ist es noch bis zum Campingplatz?“, tönt es nochmals über das Wasser. Welchen Campingplatz meint er und wie kommt er auf die Idee, dass wir deutsch sprechen? „Der meint wohl den Nisutlin Campground“, erwidert Gabi. Ach so, richtig. Ich schaue auf die Karte, kann aber auf die Schnelle nichts erkennen. „Keine Ahnung“ rufe ich zurück. Er hebt die Hand und winkt uns zu. Hat er meine Antwort verstanden?

Ich schaue nochmals auf die Karte und sehe dabei, dass der Campingplatz noch ein gutes Stück flussabwärts liegt. Für heute kaum erreichbar. Wir fahren weiter und erspähen kurz darauf eine zweite Insel. Wir überlegen nicht lange und gehen an Land.  Es ist kurz vor 17 Uhr und es wird langsam Zeit uns einen Lagerplatz zu suchen. Kaum hat Gabi festen Boden unter den Füssen, macht sie sich schon auf die Spurensuche. Ich dagegen kontrolliere mal die GPS Position mit der Karte von Mike Rourke.

Die Insel ist auf der Karte tatsächlich eingezeichnet, jedoch nicht als Camp. Laut Google Earth Ausdruck befinden wir uns bei Km 45. Die Insel ist etwa 250 Meter lang und 50 Meter breit. Es ist ein schöner Platz mit vielen Sträucher und Bäumen. Allerdings würde sich die Insel bei höherem Wasserstand nicht als Campingplatz eignen. Der Boden ist teils sandig, teils aber auch mit grösser Steinen übersät. Feuerholz ist genügend vorhanden, da auf der Vorderseite der Insel viel Treibholz angeschwemmt wurde. Auf der linken Seite sind es ca. 20 Meter bis zum Festland und auf der rechten Seite ca. 50 Meter. Die Nachbarinsel, an der wir vorhin vorbeigefahren sind, ist flussaufwärts ca. 500 - 600 Meter entfernt. Sie sieht viel grösser aus als unsere und ist wahrscheinlich auch besser geeignet zum Campieren. Das Absuchen der Insel hat keine Bärenspuren gezeigt. Wir können nur ein paar Elchtritte ausfindig machen, die aber schon älter scheinen. Obwohl wir laut GPS unser Tagessoll noch nicht erreicht haben, beschliessen wir hier zu bleiben.

1687 1688 Während Gabi beginnt das Kanu auszuladen, schaue ich durchs Fernglas auf unsere Nachbarsinsel. Wie ich es mir gedacht habe, befinden sich dort ebenfalls Kanuten. Wir sind also nicht alleine, was uns ein wenig beruhigt. Ich kann zwei oder drei Kanus und ein paar Menschen ausfindig machen und so wie es aussieht suchen sie ebenfalls die Gegend nach Tierspuren ab. Es wird wahrscheinlich die Gruppe sein, von denen wir das eine Kanu gesehen haben. Wir nehmen mal an, dass sie dort ihr Lager aufstellen werden. Aufgrund der Entfernung und der begrenzten Reichweite unsers Fernglases kann ich leider nicht genau ausmachen, wie viele Leute es sind. Es werden wahrscheinlich Deutsche oder Schweizer sein, und vermutlich haben sie von uns für Landsleute gehalten, sonst hätte uns der bärtige Typ kaum auf Deutsch angesprochen. Schon irgendwie speziell. Da befährt man einen Wildnisfluss im tiefen Yukon Territory hinunter und die ersten Menschen, die man trifft sprechen deutsch.

Wir suchen unseren Zeltplatz aus. Wegen der Beschaffenheit der Insel können wir den Zelt-  und Küchenplatz diesmal nicht so weit auseinander legen. Unser Prinzip mit Kanu-Zelt-Küche ist hier nicht möglich. Ein kleiner Sandplatz muss für das Zelt reichen, 30 Meter weiter vorne beim Treibholzhaufen, wird dann unsere Küche aufgestellt.

Bei unseren Nachbarn brennt bereits ein Feuer und auch wir sind langsam fertig um unser Abendessen zuzubereiten. Es gibt das gleiche wie gestern. Reis mit Landjäger. Wir haben ja noch viel übrig. Grosser Hunger will aber immer noch nicht aufkommen. Unglaublich, ich kann mich nicht mehr daran erinnern wann ich innerhalb zwei Tagen so wenig gegessen habe. Auch Gabi, die eigentlich immer einen gesunden Hunger hat, stochert lustlos in ihrem Essen herum. Jedenfalls essen wir mehr als gestern Abend. Vielleicht gewöhnen wir uns langsam an dieses Wildnisleben, es bleibt uns ja auch nichts anderes übrig. Es überrascht mich einfach wie der Körper auf so eine Umgebung reagiert. Ich hätte das nie für möglich gehalten. Unsere Nachbarn geben uns ein Gefühl der Sicherheit, obwohl sie bei einem wirklichen Notfall, wie beispielsweise einem Bärenangriff, viel zu spät kämen durch die Entfernung zu unserer Insel.

Die Sonne verschwindet langsam am Horizont und die Dämmerung kehrt ein. Es ist 21.30 Uhr. Von unserer Nachbarinsel steigt senkrecht Rauch in den Himmel. Es ist kein Wind spürbar. Wir sitzen am Fluss und lauschen in die Wildnis hinaus. Es ist einfach unglaublich ruhig, kaum vorstellbar. Nur selten zwitschert ein Vogel im dichten Buschwerk am Ufer. Auch der Fluss gibt kaum Geräusch von sich. Gabi schreibt Tagebuch und ich beschäftige mich wieder mal mit unserem Benzinkocher, der aber weiterhin nicht funktionieren will. So eine Schei……
Die Bewölkung hat wieder zugenommen, die Temperatur ist merklich zurückgegangen. Auch so ein Yukon Symptom: Sobald die Sonne weg ist und es dunkel wird, gehen die Temperaturen rasant hinunter. Da kann es am Tag schon mal 20-22 Grad warm sein, 4 Stunden später sind dann nur noch 5 Grad messbar.

1685 Der Tag hat uns müde gemacht und bevor wir gegen 22 Uhr ist Bett gehen wird nochmals alles kontrolliert. Wir hoffen, dass wir dieses Mal besser schlafen können als letzte Nacht. Die Tatsache, dass wir uns auf einer Insel befinden, sollte uns zusätzlich beruhigen. Wir sind ja schon gespannt was wir morgen erleben werden.

 

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