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3. Tag

Whitehorse - Nisutlin River

kanu-tag3 canol

Datum: 12. August 2006, Samstag
GPS Koordinaten
:
Rose River Bridge: N61 12.0248 W133 02.8102
1. Camp: N61 10.1077 W132 57.9846

Einfach Koordinaten kopieren und in Google Earth einfügen.


Bericht:

Es war eine unruhige Nacht. Ich bin ein paar Mal aufgewacht. Auch Gabi hat nicht sonderlich gut schlafen können. Die Anspannung ist gestiegen. Heute geht es in die Wildnis. Sind wir genügend vorbereitet? Haben wir an alles gedacht? Diese und viele weitere Fragen beschäftigen uns an diesem bewölkten Yukonmorgen. Die Baumaschinen, draussen vor unserem Fenster, haben ihre Motoren auch bereits gestartet. Hier, wo der Sommer nur sehr kurz ist, muss auch am Samstag gearbeitet werden, damit alles fertig ist, bevor der Boden wieder zu Eis erstarrt. Wir gehen frühstücken. Obwohl ich eigentlich Hunger habe, kriege ich fast keinen Bissen runter. Gestern habe ich das gleiche Frühstück noch in Windeseilen verschlugen und heute muss ich kämpfen. Auch Gabi macht mir irgendwie einen besorgten Eindruck. Aber jetzt gibt’s kein Zurück mehr, um 9 Uhr werden wir von Yukonwide abgeholt.

1602p 1600 Bevor es aber soweit ist, schleppten wir noch unser Material vom Zimmer hinunter, um es vor der Hoteltür zu deponieren. Unser übriges Gepäck, wie auch unsere Wertsachen, lassen wir gegen eine kleine Aufbewahrungsgebühr im Hotel zurück. Die Koffer können wir im Keller verstauen und Tickets, Pass und Reisechecks kommen in den Hotelsafe. Wir nehmen sicherheitshalber 50C$ und eine Kreditkarte mit. Mehr werden wir in dieser Einsamkeit kaum brauchen. Pünktlich um 9 Uhr checken wir im Hotel aus. Jetzt heisst es nur noch warten auf unseren Abholservice.

9.10 Uhr, 9.20 Uhr, von Yukonwide keine Spur. Haben die uns vergessen? Langsam werden wir unruhig. Nein, vergessen haben können sie uns nicht, denn gestern Abend erhielten wir ja noch einen Anruf von der Hotelrezeption mit der Bestätigung von Yukonwide, dass wir um 9 Uhr abgeholt würden. Während wir auf unseren Fahrer warten, geniessen wir die wärmenden Sonnenstrahlen vor unserem Hotel.  In der Nacht gehen die Temperaturen jetzt Mitte August schon recht tief in den Keller, aber sobald die Sonne zum Vorschein kommt, wird es schnell wieder warm.

Es ist 9.30 Uhr und ein Jeep mit Kanu auf dem Dach fährt vor dem Hotel vor. „Das werden sie sein“, sagte ich zu Gabi. Und tatsächlich eine Frau in den Fünfzigern mit Kind steigt aus dem Auto und kommt auf uns zu. „Seid ihr die Leute, die zum Rose River wollen?“ sprach sie uns an ohne sich vorher vorzustellen. Das ist wohl so eine Tugend hier, auf die Leute zuzugehen ohne sich vorzustellen. Kaum hatte ich die Frage mit Ja beantwortet, fragte sie mich schon, ob ich nicht mal nach dem Kanu schauen könnte. Irgendwie schaffe sie es nicht, es richtig festzubinden. Zum Glück hat sie mich darum gebeten, denn mit ihrer Befestigungstechnik war es ein Wunder, dass das Kanu überhaupt noch auf dem Dach war. Während ich mich ums Festbinden kümmerte, wurde unser Gepäck in den Jeep eingeladen. Wie könnte es hier oben im Yukon auch anders sein, spricht die Lady Deutsch. Sprachkenntnisse hin oder her, auf jeden Fall macht sie auf uns einen irgendwie chaotischen Eindruck.

Sie konnte das Kanu nicht richtig festbinden und danach musste sie noch zum Elektronikladen das Satellitentelefon abholen, darum die Verspätung von 30 Minuten erzählt sie uns, während wir am einladen sind. Na ja, kein Problem, wenn wir jetzt abfahren können, kommen wir noch zu einer normalen Zeit am Rose River an. Wir steigen in den Vollbeladen Jeep ein, Gabi und Terry, das ist die ca. 12 jährige Tochter unserer unbekannten Fahrerin, nehmen hinten Platz, während ich es mir vorne bequem mache. „Ihr wollt also zum Rose River“, sprach sie mich an und lenkte dabei den Jeep auf die Hauptstrasse. Ja genau, aber eigentlich ist es die Rose River Bridge No. 1 die unser Ziel ist. Wo denn diese Rose River Bridge No. 1 sei, fragte sie mich. Im ersten Moment dachte ich, die gute Frau mache einen Scherz. Ich war so verdutzt, dass ich ihr keine Antwort geben konnte. Bis jetzt sei sie auf der South Canol Road nur immer bis zum Quiet Lake gefahren, noch nie weiter nördlich. Warum wir denn am Rose River einsetzten wollen, wenn es doch am Nisutlin Campground viel besser gehen würde. Toll, da sitzen wir in einem Jeep mit Kanu auf dem Dach, der uns Greenhörner in die weite Einsamkeit des Yukons führen soll, und die Fahrerin, die seit Jahren hier oben lebt wie wir später erfahren, weiss nicht einmal wo diese Rose River Bridge ist. Das kann ja heiter werden. Eigentlich haben wir mit einem Kanuerfahrenen Typen gerechnet, der den Nisutlin River wie seine Westentasche kennt und uns während der Fahrt noch den einen oder anderen Tipp hätte geben können. Einer, der das Kanufahren im Blut hat und jeden Fluss in der Gegend von Whitehorse kennt als wäre es sein zuhause. Stattdessen sitze ich in einem Jeep mit drei Frauen, die von Kanufahren und sonstigem Drumherum weniger verstehen als ich selber.

Wir fahren noch eine Zeitlang in Whitehorse herum. Zuerst auf der Suche nach einer Tankstelle und dann wurde noch einen Stopp bei der Fahrerin zuhause nötig, weil sie doch tatsächlich in der Hektik von Heute morgen unsere Ausrüstungsliste vergessen hatte und die sei doch für uns wichtig damit wir wüssten, was wir so alles dabei hätten. Super, als ob das jetzt noch was ändern würde. Wenn was fehlen sollte hätten wir jetzt sowieso keine Gelegenheit mehr, diese zu beschaffen. Zudem haben wir bereits per E-Mail schon so eine Ausrüstungsliste erhalten. Es ist kurz nach 10 Uhr als wir endlich auf den Alaska Highway abbiegen können. Vor uns liegen 240 Kilometer bis zum Rose River, davon ca. 135 Kilometer auf dem Alaska Highway und später dann 105 Kilometer noch auf der ungeteerten South Canol Road. Das Wetter hat sich seit den frühen Morgenstunden nicht geändert. Die Bewölkung überwiegt die sonnigen Abschnitte. An den Berghängen sieht es so aus als würde es sogar regnen. Wir fahren in zügigem Tempo Richtung Süden. Auf dem Alaska Highway hat es nur wenig Verkehr.

Wie bereits erwähnt, spricht unsere Fahrerin Deutsch. Sie lebt seit 18 Jahren in Kanada und seit 3 Jahren in Whitehorse. Vorher war sie eine Zeitlang in Nelson im nördlichen British Columbien. Ursprünglich kommt sie aus Deutschland, wie so viele, die hier im Yukon Zuhause sind. Seit knapp zwei Jahren arbeitet sie für diverse Kanuvermieter als Fahrerin. Je nach Anbieter wird sie pro Tag oder pro Stunde bezahlt, wobei ihr der Stundenansatz besser zusagt, da sie es dabei ein wenig lockerer nehmen kann. Yukonwide bezahlt nach Stunden und heute ist für sie ein langer harter Tag. Sie erklärt uns, dass sie, nachdem sie uns an der Rose River Bridge abgesetzt hat, weiter Richtung Ross River muss, um dort weitere Kanuten aufzuladen, die sie dann nach Whitehorse zurückbringen muss. Diese Rundtour über South Canol Road, Campbell Highway und Klondike Highway ist gut und gerne 750 Kilometer lang. Daher ist sie froh, dass sie ihre Tochter mitnehmen konnte. Diese scheint mir jedoch nicht sonderlich begeistert zu sein, jedenfalls sagt sie kein Wort und starrt nur aus dem Fenster, sofern sie nicht Gameboy spielt.

Wir kommen zügig voran. Obwohl ein Tempolimit von 100 gilt, sind wir stets mit 120 und mehr Stundenkilometer unterwegs. Nach 1 ½ Stunden Fahrt erreichen wir Johnsons Crossing und machen bei der Tankstelle , die auch einen Campground hat, eine kurze Pause. Hier zweigt die South Canol Road nach Norden ab, die uns zum Rose River bringen soll. Während Angela, so heisst übrigens unser Fahrerin, nochmals den Wagen auftankt, besuchen wir das kleine Roadhouse. Viel zu kaufen gibt’s hier allerdings nicht und die Sandwiches sehen nicht gerade appetitlich aus. Wir begnügen uns mit einem Toilettenbesuch. Wieder draussen umschwärmen uns bereits die gierigen Moskitos. Ein Vorgeschmack auf den Nisutlin River? Schon jetzt gehen mir die Viecher bös auf den Keks. Nichts wie zurück ins Auto und weg hier. Wir fahren über die grosse Brücke, die sich über den Teslin River spannt. Dieser Fluss gehörte von Anfang an zu meinen Favoriten. Er ist vom Schwierigkeitsgrad ähnlich wie der Nisutlin River. Von Johnsons Crossing führt er den Kanuten nach Carmacks, was ca. 370 Flusskilometer weiter nördlich liegt. Laut diversen Kanuvermietern braucht man dafür ca. 10-12 Tage, was für uns leider zu lang war.

Die Abzweigung zur South Canol Road ist kaum zu übersehen. Direkt nach der Teslin Brücke zweigt die Strasse links ab. Dieses Teilstück der Canol Road ist 220 Kilometer lang und endet am Campbell Highway. Auf der gesamten Strecke bis Ross River gibt es keine Versorgungsmöglichkeiten. Die Höchstgeschwindigkeit liegt bei 60 Km/h. Angela kümmert das wenig. Mit 80 und mehr braust sie über die ungeteerte Strasse als sei sie alleine unterwegs. Zugegeben, der Verkehr ist sehr gering, fast null, jedoch passt sich die Strasse sehr stark dem Gelände an, sprich es geht immer wieder rauf und runter und die Kurven sind sehr unübersichtlich. Angelas Tochter Terry macht sich langsam bemerkbar. Sie hat die letzten Kilometer  geschlafen und wacht jetzt mit Übelkeit auf. Sie jammert und klagt, dass es ihr schlecht sei von der Raserei und das sie sowieso lieber vorne als hinten sitzen würde. Angela sagt nicht viel, sie schaut lieber auf die Strasse. Ausser der grauen, mit kleinen Steinen notdürftig bepflasterten Strasse, sieht man sowieso nicht viel und ich würde behaupten, dass es Terry vorne auch nicht besser gehen würde als jetzt hinten.

Nach 45 Minuten Fahrt, wir überfahren gerade eine Kuppe, steht plötzlich ein Mann mit Motorradbekleidung mitten auf der Strasse. Seltsam, denn von seinem Motorrad ist weit und breit nichts zu sehen. Angela hält an und fragt den etwas verdutzten Mann, was er den in dieser Einöde mache. Nach kurzem Gespräch erfahren wir, dass er aus Deutschland kommt und in dieser Kurve beinahe gestürzt sei und jetzt dringend eine Pause brauche. Wir fragen noch, ob er irgendwie Hilfe bräuchte, was er aber verneint. Wir fahren weiter. Hundert Meter später sehen wie dann das Motorrad am Strassenrand voll gepackt mit alldem was man so braucht, wenn man mit so einem Teil in der Wildnis herumkurvt.

Eigentlich habe ich erwartet, ab und zu einen Blick auf den Nisutlin River werfen zu können, denn laut Strassenkarte verläuft die South Canol Road in diesem Bereich ganz in der Nähe des Flusses. Doch ausser der Strasse, Bäumen und Sträuchern ist nichts weiter zu erkennen. In weiter Ferne sieht man bereits die Wolkenverhangen Berge der Big Salmon Range. Dort irgendwo muss der Rose River liegen. Nach einer Stunde fahrt auf der South Canol Road erscheint plötzlich ein Wegweiser mit dem Namen Nisutlin Campground am Wegesrand. Dies ist übrigens die Stelle, an der die  meisten Nisutlin Kanuten in ihre Boote steigen, erzählt uns Angela. Von hier aus sind es ca. 5 Tage bis Teslin. Auch wir hatten zuerst diese Variante angeschaut, jedoch erschienen uns 5 Tage recht kurz und der Aufwand für so kurze Zeit in den Yukon zu reisen zu gross. Wir fahren weiter. Den Nisutlin River haben wir immer noch nicht zu Gesicht bekommen. Wir wissen demnach immer noch nicht, wie breit der River eigentlich ist. Zuhause habe ich mir den Fluss in Google Earth genau angeschaut. Dieses Programm ist wirklich eine geniale Erfindung. Neben den Landschaftsbildern zeigt Google Earth auch noch die genauen Koordinaten an, die ich bereits in der Schweiz in mein GPS eintrug. Auf dem Fluss sollen uns die Daten helfen den Standort zu bestimmen. Dazu aber später mehr. Laut Google Earth soll der River hier am Nisutlin Campground ca. 50 Meter breit sein. Aufgrund mangelnder Sicht kann ich das leider nicht bestätigen.

Wir erreichen den Quiet Lake Campground und kurz darauf den gleichnamigen See. Wer zum Beispiel den Big Salmon River befahren möchte, kann hier aussteigen. Es gibt aber noch eine weiter Einstiegstelle, hierfür muss aber nochmals 20 Kilometer weiter gefahren werden. Der Big Salmon River gehört zu den schönsten Kanutouren die es im Yukon gibt. Er gilt zwar als einfach sollte aber von Kanuneulingen trotzdem nicht allein befahren werden. Vom Quiet Lake bis nach Carmacks sind es ca. 350 Kilometer für die man sich etwa 12-14 Tage Zeit nehmen sollte. Es ist eine sehr schöne Gegend hier oben am Quiet Lake und der See macht seinem Namen alle Ehre: still und einsam breitet er sich vor uns aus. Wir sind jetzt seit 75 Minuten unterwegs auf der South Canol Road und ausser dem Motorfahrer und einem Geländewagen sind uns noch keine Menschen begegnet.

Nachdem uns der Quiet Lake 20 Kilometer lang begleitet hat, verlassen wir ihn wieder bei der zweiten Einstiegstelle zum Big Salmon River. Die Strasse steigt jetzt an, wird rauer und schmäler. Die Bäume werden kürzer, ein Zeichen, dass es in die Berge der Salmon Range geht. Das Wetter sieht nicht sehr viel versprechend aus; die Wolken hängen bereits an den Berggipfeln und der Regen wird wohl nicht mehr lange auf sich warten lassen. „Bis hierher habe ich den Weg gekannt“, erklärt unsere Fahrerin, „ab jetzt betreten wir Neuland. Wie weit ist es noch bis zum Rose River?“ fährt sie fort. Keine Ahnung, laut Karte müssten es noch ca. 10 Kilometer sein, erzähle ich ihr. Es führt eine One Line Brücke über den Fluss, die mit „Rose River Bridge No1“ angeschrieben sein sollte. So jedenfalls haben wir es im Flussführer gelesen. Zum Glück habe ich die GPS Koordinaten der Brücke in mein Gerät eingetragen, so dass wir die richtige Stelle nicht verfehlen dürften.

Es geht wieder rauf und runter, links und rechts herum; Angela gibt mächtig Gas mit ihrem Geländeauto. Immer wieder zeigt der Tacho knapp 70 Km/h an. Ohne Vierrad Antrieb könnte man die Strecke kaum in dieser kurzen Zeit bewältigen. Die Strasse ist aber bis jetzt in einem guten Zustand und wäre ohne Problem auch mit einem Camper-Van zu befahren wenn man die Geschwindigkeit auf höchstens 40-50 Km/h anpasst. Die Schwierigkeiten, vor allem die engen Passagen, sollen laut Buchführer aber auf der zweiten Hälfte der Strecke Richtung Ross River lauern.

1605 Wie es anders nicht sein konnte, fährt Angela im Höllentempo durch eine vor uns liegende Rechtskurve und plötzlich stehen wir mitten auf einer Brücke. „Das war sie, das war die Rose River Bridge No 1“, schreie ich. „Was, jetzt schon?“, Angela schaut mich fragend an. „Du hast doch gesagt es dauert mindestens noch 10 Kilometer?“ Ich schaue auf die Strassenkarte. Na ja, vielleicht sind 10 Kilometer doch ein wenig viel gerechnet.  Angela fährt retour. Ich schaue aus dem Fenster. Kein Zweifel, auf dem Schild seht „ Rose River Bridge No 1“. Wir haben es geschafft. Wir haben unser erstes Ziel erreicht.

Es ist 13.05 Uhr, Angela lenkt ihren Geländewagen von der One Line Bridge herunter um rechts neben der Brücke zum Rose River zu fahren. Die Zufahrt zum Fluss ist aber versperrt. Ein weiterer Geländewagen steht bereits am Fluss und verunmöglicht ein Durchkommen. Wer mag das wohl sein? Wir steigen aus und im selben Moment öffnet sich die Türe von dem fremden Wagen vor uns. Der etwa 30jährige Mann, der aus dem Auto klettert trägt die Uniform eines Parkrangers. „Hallo Leute, wie geht’s“, ruft er uns zu. Er habe gerade ein Nickerchen gemacht, erzählt er weiter.  Wir stellen uns kurz vor. Er heisst Rick und arbeitet als Parkranger hier auf der South Canol Road. Er kontrolliert die Fischer nach gültigen Lizenzen und schaut sonst so nach dem Rechten. Da bin ich ja froh, habe ich in Whitehorse noch eine Fischlizenz gekauft, geht es mir durch den Kopf. Er zeigt aber an meiner Lizenz keinerlei Interesse, stattdessen parkiert er sein Geländeauto auf die Seite damit Angela direkt zum Fluss fahren kann. Was wir denn so vorhaben, fragt er uns. Während wir das Kanu abladen erzählen wir ihm von unserem Vorhaben. Er schaut uns ein wenig nachdenklich an – gut, dass ich jetzt nicht seine Gedanken lesen kann. Wie den der Rose River so zu befahren sei, fragt ihn Gabi. Soweit er wisse, sei der Fluss ohne Bedenken zu befahren, da der Wasserstand aber relativ niedrig sei, sollen wir auf Baumstämme achten, die in diesem Flussabschnitt häufig aus dem Wasser stehen oder nur ganz knapp unter der Wasseroberfläche lauern. Wie sieht es aus mit wilden Tieren, will Gabi weiter wissen. „Nehmt euch in Acht vor den Bären. Momentan sind die Beeren noch nicht reif und daher gibt’s für die Tiere wenig bis nichts zu fressen. Und hungrige Bären reagieren eher mal aggressiv. Sicher werdet ihr auch ein paar Elche zu Gesicht bekommen und Wölfe zumindest in der Ferne jaulen hören.“ Als wolle er uns beruhigen fügt der Ranger noch hinzu: „Ansonsten ist die Tour problemlos zu meistern.“  Wir laden unser weiteres Gepäck aus dem Auto und deponieren es auf der Sandbank direkt neben dem Fluss. Angela und Terry helfen uns dabei, wobei Terry schon bald wieder ins schützende Auto verschwindet. Ich kämpfe mit dem Moskitospray, während Gabi sich gleich das Moskitonetz über den Kopf stülpt. Die Moskitos sind hier sehr zahlreich und fallen wie kleine Geier über uns her, der Aufenthalt im Freien ohne Schutz ist kaum vorstellbar.

1607 1611 Gabi und Angela machen sich am Satellitentelefon zu schaffen. Funktionskontrolle ist angesagt. Ich schaue zuerst mal auf mein GPS, um mich zu vergewissern, dass wir wirklich an der richtigen Stelle sind. Inzwischen macht sich Rick, der Parkranger, auf den Weg. Bevor er knatternd, als Staubwolke verschwindet,  wünscht er uns noch eine schöne und spannende Flussfahrt. Das Satellitentelefon funktioniert und auch die Position im GPS stimmt haargenau mit der Lage der Brücke überein. Angela will aufbrechen, da sie ja noch eine lange Tour vor sich hat. Auch Terry hoppelt ungeduldig im Wagen herum.  Wir wollen aber vorher noch den Benzinkocher testen, den uns Yukonwide ebenfalls als Teil der gemieteten Ausrüstung zur Verfügung stellt. Laut Anweisung auf dem Kocher soll man die Verschlusskappe lösen, herausziehen und dann pumpen, bis ein Widerstand zu spüren sei. Dann Verschlusskappe schliessen und den Benzin Hebel nach unten drehen und mit dem Feuerzeug die Flamme anzünden. Hört sich einfach an, will aber partout nicht klappen. Machen wir was falsch? Auch Angela kann sich nicht erklären warum der Benzinkocher einfach nicht zünden will. Ich versuche es nochmals und nochmals, ohne Erfolg. Wir sind inzwischen etwas genervt, wollen aber auch nicht noch mehr Zeit mit dem Ding vergeuden und beschliessen es einfach mal mitzunehmen, in der Hoffnung, dass wir es heute Abend am ersten Lagerplatz dann schon irgendwie in Gang bringen werden. Das Greenhorn-Feeling meldet sich wieder: wir hätten darauf bestehen sollen, die Ausrüstung noch vor der Abfahrt in Whitehorse zu testen. Jetzt ist es zu spät und wir haben das Nachsehen. Ob sie einen Tipp zur optimalen Beladung des Kanus habe, möchte Gabi von Angela wissen. Die zuckt aber nur mit den Schultern. Einfach mal alles hineinstopfen, am besten die schweren Sachen in die Mitte. Na ja, auf die Idee wäre ich auch noch gekommen.

Nun, sie ist uns wirklich keine grosse Hilfe, dann schauen wir halt selber wie wir das hinbekommen. 1614 1617 Wir verabschieden uns. Angela fährt mit ihrem Geländeauto zurück auf die Canol Road und überquert die Rose River Bridge No 1. Wir winken uns ein letztes Mal zu und dann hat sie die grüne Wildnis auch schon verschluckt. Das Motorengeräusch verhallt schnell und es kehrt eine fast gespenstische Stille ein. Jetzt sind wir alleine. Vor uns liegen 200 Flusskilometer und wir wissen nicht was uns in den nächsten Tagen erwartet. Ein komisches Gefühl macht sich in der Magengrube breit.

Wir beschliessen einen kleinen Erkundungsspaziergang am Fluss entlang zu machen. Das ist also der Rose River. Irgendwie hatte ich ihn mir grösser vorgestellt. Er misst ungefähr eine Breite von 8 Meter und ist hier an seiner tiefsten Stelle etwa einen Meter tief. Flussabwärts kommt eine knifflige links-rechts Kurve mit schnell fliessendem Wasser. Weiter kann ich wegen den Bäumen nicht sehen. Ansonsten macht der Fluss einen ruhigen Eindruck. Gabi untersucht derweil das Ufer nach Bären- und Elchspuren, findet aber nichts, was auf diese Tiere deuten könnte. Das beruhigt uns jedenfalls für’s erste. 1615 Wir schleppen das leere Kanu zum Fluss hinunter und beginnen es zu beladen. Das schwerste Gepäckstück ist die 50 Liter Tonne mit den Lebensmitteln, die in der Mitte des Kanus platziert wird. Dahinter kommt der 115 Liter Packsack mit den Kleidern. Vor die Tonne deponieren wir den 55 Liter Packsack mit dem Zelt und den Thermoliegematten. Davor legen wir die kleinere Box mit den Küchenutensilien und obendrauf kommt noch die grössere, aber leichtere Box, in der diverses Gerümpel Platz findet. Danach wird alles mit Seilen fest zusammengebunden. Schliesslich wollen wir nichts verlieren, sollten wir mal unfreiwillig kentern. Mal sehen wie sich unsere Beladetechnik im Wasser bewährt. Gabi wird vorne Platz nehmen und den Motor spielen, ich werde hinten sitzen und als Steuermann die Richtung vorgeben.

Bei unserem Kanukurs Anfangs Juli in der Schweiz, hatten wir es auch umgekehrt ausprobiert und Gabi hat den Steuermann gespielt. Das ging zwar in seichtem Wasser recht gut, aber bei speziellen Manövern in der Strömung fehlte ihr ab und zu die Kraft. Jetzt wo das Kanu noch mit Gepäck beladen ist, wird es noch schwerer zu steuern sein und daher haben wir beschlossen, dass ich auf der Kanutour vorderhand mal den Steuermann spielen darf.

Ich montiere meine „Steuerzentrale“ an unserem Kleiderpacksack. Ich habe mir dazu eine wasserdichte, durchsichtige Kartenmappe besorgt. So kann ich auf der einen Seite die Karte von Mike Rourke anschauen und auf der anderen Seite die von Gui Karpes. Im Weiteren habe ich von Google Earth 15 Blätter ausgedruckt, die den Nisutlin River aus der Satelittensperspektive zeigen. Auf die Kartenmappe stecke ich mein GPS. Es ist ein Garmin Geko 201, also nichts spezielles, es ist dasselbe, welches ich auch zum Gleitschirmfliegen benütze.

1618 1619 Es ist 14.10 Uhr, wir sind abfahrtsbereit. Nochmals laufen wir flussabwärts zum Ende der Sandbank, um diese knifflige links-rechts Kurve mit schnell fliessendem Wasser, anzuschauen. Wir sind uns einig, dass wir diese Passage nicht fahren werden. Es macht keinen Sinn, gleich zu Beginn etwas zu riskieren. Wir gehen wieder zurück zum Kanu und schieben es vorsichtig ins Wasser. Was für ein Gewicht. Ich habe mir unser Kanu nicht so schwer vorgestellt. Gabi setzt sich vorne hin und ich schiebe die Vorderseite noch tiefer ins Wasser. Mit einem kräftigen Stoss schiebe ich das Kanu vom Ufer weg und steige selber auch hinein. Unsere Tour beginnt. Nach 50 Meter und einer Flussquerung ist die Fahrt aber schon wieder zu Ende. Um diese links-rechts Kurve zu umgehen haben wir jetzt zwei Varianten. Entweder wir entladen das Kanu und tragen es am Ufer entlang um die Strömung herum, oder wir binden vorne und hinten ein Seil ans Kanu und versuchen es an der Leine zu führen – auch treideln genannt. Nach der Besichtigung entscheiden wir uns für die zweite Variante. Wir habe keine Lust das gesamte Gepäck nochmals auszuladen. Also binden wir vorne und hinten ein ca. 5 Meter langes Seil ans Kanu. Gabi läuft vorne mit dem Seil am Ufer entlang während ich hinten die Stellung halte. Da der Wasserstand direkt vor uns nicht sehr tief ist, müssen wir das Kanu ins tiefere und dabei etwas schnellere Wasser schieben. „Jetzt nur nicht das Seil loslassen“, rufe ich Gabi zu. Alleine könnte ich das Kanu in dieser Strömung nämlich nicht halten und ohne Kanu hier in der Wildnis, das möchte ich mir gar nicht erst vorstellen. Es klappt aber wunderbar und wir meistern die Passage ohne Probleme. Jetzt endlich können wir den Fluss weiter überblicken. Wir sehen zwar, dass es weiter vorne wieder schnell fliessendes Wasser hat, aber dieses Mal wollen wir da durchfahren. Wir können ja nicht jedes Mal aussteigen und das Kanu an der Leine führen, so würden wir nie vorwärts kommen.

„Achtung, ein Sweeper vorne links!“ ruft Gabi aufgeregt. „Ein was?“ Ich verstehe kein Wort. „Ein Sweeper, oder eben ein Baumstamm, wenn du den deutschen Ausdruck lieber haben möchtest“, wiederholt Gabi. Ein Sweeper ist ein Baumstamm, der sich knapp unterhalb der Wasseroberfläche befindet und meistens erst im letzten Moment zu sehen ist. „Ach so, ein Baumstamm, immer diese englischen Wörter“. „Er kommt näher und näher“ ruft Gabi weiter. „Schon gut, hab’s gehört. Was heisst links? Ich sehe von meiner Position aus gar nichts“. „Einfach rechts vorbeifahren, dass kann doch nicht so schwierig sein“, ruft sie mit aufgeregter Stimme. „Ja ja, rechts vorbeifahren, du da vorne kannst das schon sagen, du musst ja dieses Schiff nicht steuern“. Wie ging das doch gleich; ich überlege. Links Baumstamm, gleich rechts vorbeifahren, heisst Paddel rechts ins Wasser, oder ist es Links? Bei unserem Kanukurs auf der Aare, lernten wir solche Manöver duzendemale, nur jetzt plötzlich wenn es darauf ankommt bin ich mir nicht mehr sicher auf welcher Seite ich jetzt das Paddel einsetzen soll.  „Der Baumstamm kommt näher, entscheide dich endlich“, Gabis Stimme klingt immer aufgeregter. Gut, Paddel rechts ins Wasser und Volldampf. Der Baumstamm kommt dabei aber immer schneller näher und das Kanu macht keine Anstalten die Richtung zu ändern. Scheis…. so kann’s nicht gehen. „Höre auf zu Paddeln!“ schreit Gabi nochmals. „Okay, ich höre auf“, lasse dabei aber das Paddel im Wasser und siehe da, das Kanu reagiert. Aha, so geht’s, nur Paddel rechts ins Wasser halten und schon steuert das Kanu rechts rum. Vielleicht noch ein bisschen Rückwärtspaddeln um die Steuerung zu beschleunigen? Jawohl, es funktioniert bestens. Um Haaresbreite verfehlen wir den Baumstamm. In dieser Hektik war aber mein Steuereinsatz zu heftig. Wir drehen uns gleich um 180 Grad. „Willst du jetzt den Fluss hochfahren?“ meckert Gabi auf ihrem Logenplatz. Irgendwie hat es doch nicht so gut funktioniert wie ich es mir vorgestellt habe. Mit vereinten Kräften bringen wir unser Kanu wieder in die richtige Richtung. Dieses Szenarium wiederholt sich in kurzen Abständen zweimal.

1620 „Halt, stopp, so kann’s nicht weitergehen“, rufe ich Gabi zu. Leicht genervt steuern wir das Ufer an. „Wir müssen unsere Kommandos besser abstimmen, ich sehen hier hinten gar nichts und wenn du da vorne, links ein Swepper oder Baumstamm rufst, weiss ich nicht wo genau der steht und wie viel ich steuern muss. Wir müssen klarere Kommandos bestimmen“. Wir einigen uns darauf die Position der Hindernisse mittels Zeitangabe durchzugeben. Das heisst, wenn Gabi jetzt einen Sweeper sieht, sagt sie, Sweeper auf 11 Uhr, oder Sweeper auf 2 Uhr. So kann ich hinten besser beurteilen wie stark ich steuern muss. Mit links oder rechts funktioniert das einfach nicht.

1621 1622 Die Bewölkung hat zugenommen und es fängt leicht an zu regnen. Muss das sein, geht es mir durch den Kopf. Bei einem kurzen Halt ziehen wir unsere Regenkleidung an. Der Rose River erweist sich als regelrechte Knacknuss. Die vielen Richtungsänderungen in diesem schmalen Gewässer fordern uns. Wir können die schöne Landschaft kaum geniessen. Immer wieder ruft Gabi vorne, „Sweeper auf 11 Uhr“, „Sweeper auf 2 Uhr“, „Sweeper auf 12 Uhr“. Ich bin ständig am rudern und am studieren auf welcher Seite ich jetzt das Paddel einsetzen soll und wie stark ich korrigieren kann. Aber dank den abgemachten Kommandos klappt es viel besser. Ohne Probleme erreichen wir das längere gerade Teilstück des Rose Rivers, das sich kurz vor der Einmündung in den Nisutlin befindet. Erleichtert lehnen wir uns zurück und lassen uns treiben. Zum ersten Mal kann ich auf’s GPS schauen. Wir befinden uns ca. 500 Meter vor der Einmündung in den Nisutlin River, das heisst wir sind seit 7.5 Kilometer unterwegs. Die momentane Geschwindigkeit beträgt 5,20 Stundenkilometer. Wir haben unsere erste Hindernisstrecke demnach erfolgreich befahren. Zugegeben, für den Anfang hätte es auch etwas beschaulicher sein dürfen.

1623 Der Nisutlin River taucht auf der linken Seite auf und ist mit 25 Meter etwa dreimal so breit wie der Rose River. Das Wasser fliesst in gemächlichem, ruhigem Tempo dahin. Mit Blick auf mein GPS sehe ich aber, dass die Geschwindigkeit mit 8 Stundenkilometer leicht höher ist als auf dem Rose River. Da der Fluss jetzt breiter ist, können wir auch die Gegend besser überblicken. Mit dem Erreichen des Nisutlin haben wir unser erstes Flussziel erreicht und können langsam nach einer Übernachtungsmöglichkeit Ausschau halten. Am ersten Tag wollen wir nicht zu weit fahren. Die Gegend hier am Oberlauf hat viele Sand- und Kiesbänke und ist daher sehr geeignet für einen ersten Lagerplatz.

Wir lassen uns treiben und geniessen die Aussicht auf „unseren“ River, der uns jetzt 6 Tage lang begleiten wird. Es hat aufgehört zu regnen. Kaum haben wir die erste Kurve hinter uns gebracht, erblicke ich am linken Ufer eine Blockhütte. Sie sieht gut erhalten aus, die Fenster und Türen sind jedoch mit Brettern zugenagelt. Wahrscheinlich um ungebetene Gäste am Eintritt zu hindern. Sie sieht unbewohnt aus.  Wir können auch kein Kanu am Ufer erblicken. Gabi zeigt kein Interesse da mal vorbeizuschauen und darum fahren wir weiter. Ich nehme jetzt mal an das solche Hütten nur im Winter bewohnt sind. Wahrscheinlich sind es Fallensteller oder sonstige Trapper, die hier in der kalten Jahreszeit ihr Glück versuchen. Jetzt im Sommer sind solche Hütten nur per Kanu erreichbar. Motorboote können auf dem Nisutlin und auch auf dem Rose River nicht fahren da der Wasserstand schlicht zu wenig hoch ist. Daher bleibt nur der Winter, wo alle Flüsse tief und fest gefroren sind. Dann können die Menschen per Skidoo oder mit einem Hundeschlitten von der Rose River Bridge hier hinunter fahren. Zwei Kurven weiter erblicken wir am rechten Ufer eine schöne Sandbank, die uns für unseren ersten Lagerplatz sehr geeignet erscheint. Wir fahren an der Sandbank vorbei und halten am anderen Ende an um einen ersten Augenschein zu nehmen.

Es ist 15.45 Uhr. Der Platz befindet sich in einer langgezogenen Kurve und ist sehr übersichtlich. Die Sandbank erweisst sich als feinkörnige Kiesbank, die, je weiter sie ins Landesinnere geht, in weichen Sand übergeht. Die Länge schätze ich auf 400 Meter, die Breite auf etwa 100 Meter. Ein idealer Platz also um hier zu übernachten. Gabi hat sich bereits auf die rechte Seite der Sandbank begeben und sucht den Boden nach Tierspuren ab. Ausser ein paar bereits verwaschenen Elchspuren kann sie keine weiteren Spuren ausfindig machen. Wir hatten vereinbart, sollten wir Bärenspuren sehen, unsere Sachen wieder zu packen und weiterzufahren. Gabi sucht jetzt noch im hinteren Teil der Sandbank, dort wo bereits kleinere Bäume und Sträucher wachsen, während ich schon mal nach einem geeigneten Zeltplatz sehe. Nachdem keine Bärenspuren aus zu machen waren und Gabi sichtlich beruhigt ist, schleppen wir gemeinsam alles Zeltmaterial zu unserem Lagerplatz, ca. 75 Meter vom River entfernt. Mit dem Aufstellen des Zeltes hatten wir Greenhorns erstaunlicherweise keine Probleme. Diese Igluzelte sind auch wirklich einfach aufzubauen. Unseres hatte sogar auf beiden Seiten eine Einstiegsöffnung, was doch recht komfortabel ist, da nicht immer einer über den anderen klettern muss.

1628 Während sich Gabi weiter um die Einrichtung des Zeltes kümmert, suche ich einen geeigneten Küchenplatz, wo wir unser Essen zubereiten können. In den Flussführern und auch in diversen Internetforen konnten wir lesen, dass wir unser Lager in drei Abschnitte aufteilen sollten: Ein Teil ist das Kanu am Fluss unten, der zweite Teil ist der Schlafplatz und der dritte Teil, min. 50 Meter entfernt, der Küchenplatz, wo auch die Lebensmittel deponiert werden. Dabei sollte der Schlafplatz immer in der Mitte sein. Sollten sich doch mal ungebetene Gäste an unseren Nahrungsmitteln zu schaffen machen, haben wir immer noch die Möglichkeit schnell zum Kanu zu springen und so das Weite zu suchen. Nun, wir hoffen, dass wir dieses Szenarium nicht mal durchspielen müssen. Wahrscheinlich werden wir auf unserer Reise nicht immer solche grosszügigen Lagerplätze finden, wo wir unsere Peripherie so aufbauen können.

Es dauert nicht lange und wir finden einen guten Platz ca. 80 Meter von unserem Zelt entfernt. Ein umgestürzter Baum mit einem riesigen Wurzelballen ist wie geschaffen für unsere Küche. Zudem kann ich sogar die Plastikplane darüber spannen um uns vor dem Regen zu schützen. Der Himmel ist momentan wolkenverhangen und es sieht nicht gerade gut aus.

1629 1630 Nachdem wir das gesamte Küchenmaterial von unserem Kanu hinauf zum Küchenplatz geschleppt haben, das sind gut und gerne 150 Meter Fussmarsch im weichem Sand, beginnen wir mit dem Aufbau und dem Sortieren unserer Wildnisküche, denn langsam wird es Zeit für etwas Essbares. Reis mit Pilzen steht auf dem Menüplan. Bevor wir aber essen können, heisst es erst einmal Feuer machen. Zusammen suchen wir die Sandbank nach verwertbarem Holz ab. Es hat nicht gerade viel, aber das trockene Treibholz eignet sich sehr gut und schon bald haben wir ein schönes Feuerchen. Während Gabi sich ums Essen kümmert, versuche ich nochmals unseren Benzinkocher in Gang zu bringen. Nach etlichen Versuchen gebe ich auf. Es hat keinen Sinn, dieses Ding will und will einfach nicht funktionieren. Langsam zweifle ich an mir, vielleicht mache ich irgendetwas falsch. Aber die Bedienungsanleitung auf dem Kocher ist klar und deutlich und ich kann mir nicht vorstellen hier was falsch zu machen. Es scheint, als müssten wir während unserer Reise auf die Annehmlichkeiten des Benzinkochers verzichten. Solange das Wetter stimmt und es nicht regnet, können wir ja immer ein Feuer machen, aber sollte es doch mal schlechter werden, wären wir ohne wärmende Quelle doch arg aufgeschmissen.

Das einfache Essen schmeckt, jedoch haben wir beide irgendwie keinen Hunger, obwohl wir seit dem Frühstück nichts Richtiges mehr gegessen haben. Die ungewohnte Wildnis um uns herum setzt uns mehr zu als wir uns vorgestellt hatten.

Es ist 20.20 Uhr, die Sonne ist bereits hinter den Wolken verschwunden und die Temperatur ist merklich zurückgegangen. Es ist still, unglaublich still, kein Wind streift die Blätter an den Bäumen, kein Vogel zwitschert durch die Gegend, der Fluss gibt keinen Laut von sich. Man würde ein Blatt hören, wenn es jetzt zu Boden fällt. Die Gegend ist wunderschön und doch wird einem nun bewusst, wo man sich hier eigentlich befindet. Die nächste Behausung ist über 100 Kilometer entfernt. Ob wir hier in der Gegend Menschen treffen, wissen wir nicht. Zuhause vor dem Fernseher, wenn wieder mal so eine Wildnissendung über Kanada, Alaska oder den Yukon ausgestrahlt wird, denkst du „ist das schön so in die Wildnis abzutauchen, einmal weit weg von der Zivilisation zu sein, Zelt aufstellen, die Ruhe und Einsamkeit geniessen, einmal das tun was nicht jeder macht“. Jetzt stehen wir da, mit einer Tasse Kaffee in der Hand, und schauen auf den gemächlich dahinfliessenden Nisutlin River. Wir sind irgendwo im Nirgendwo, schön, aber auch ein klein bisschen schaurig.

Wir machen uns Bettfertig. Es ist kurz vor 22 Uhr. Die Sonne ist inzwischen untergegangen. Der Himmel ist bedeckt, also werden die Temperaturen kaum Null Grad erreichen. Gabi schreibt noch ein wenig Tagebuch. Ich notiere mir die GPS Daten von unserem Lagerplatz.  Es wird Zeit schlafen zu gehen. Morgen werden wir wieder einiges erleben. Ich bin schon gespannt was uns erwartet.

 

Links:  
Johnsons Crossing Campground Tankstelle, Roadhouse, Campground

 

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