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1.Tag

Vancouver - Whitehorse

10. August 2006, Donnerstag


Bericht:

1517 1515 Vancouver verabschiedete uns mit Nieselregen. Jetzt eine Stunde später, in 8000 Meter Höhe haben sich die Wolken verzogen und wir geniessen einen herrlichen Blick auf das nördliche British Columbia. Es ist Donnerstag, 10. August 2006, 11.12 Uhr. Wir sind auf dem Weg nach Whitehorse, in die Einsamkeit des Yukon Territorys. Flüsse, Berge, Wälder und Seen, es ist eine beeindruckende Landschaft, die wir von hier oben zu Gesicht bekommen. Keine Strassen, keine Städte, nur Wildnis, Wildnis und nochmals Wildnis. Schon in 2 Tagen werden wir genau in einer solchen Gegend unterwegs sein und wahrscheinlich zu den Flugzeugen hinaufsehen, die mit ihren weissen Kondensstreifen Muster in den hoffentlich blauen Himmel zeichnen.

Vancouver 1086 Die letzten vier Tage verbrachten wir in Vancouver, einer tollen Stadt: quirlig, grün, voller Leben, traumhaft gelegen zwischen Bergen und Pazifik - aber irgendwie sind wir froh, können wir dem turbulenten Stadtleben endlich den Rücken kehren. Auch wenn Vancouver für uns zu den schönsten Städten der Welt gehört, können wir uns mit den leidigen Attribute einer Grossstadt wie Menschenmassen und dröhnendem Verkehr einfach nicht auf Dauer anfreunden.

1512 2 Stunden und 10 Minuten nach dem Start der Air Canada Maschine in Vancouver landen wir in einer anderen Welt: Whitehorse. Nach 2003 sind wir nun zum zweiten Mal in der Hauptstadt des Yukon Territorys. Das River View Hotel haben wir bereits von der Schweiz aus reserviert und wir staunen nicht schlecht, als man uns sogar vom Flughafen abholt. Die Innenstadt hat sich in den letzten 3 Jahren nicht gross verändert: Die Mainstreet sieht immer noch gleich aus wie dazumal, der Schaufelraddampfer Klondike steht noch an seinem Platz und der Yukon River schiebt immer noch grau-grüne Wassermassen durch sein breites Bett. Irgendwie scheint die Zeit stillgestanden zu sein, zumindest rund um Downtown. An der Peripherie dagegen schiessen die neuen Wohnsiedlungen nur so aus dem Boden.

1603 1530 Nachdem wir uns im Hotel registriert haben - man spricht übrigens schweizerdeutsch - erfahren wir, dass der Ausstatter Yukonwide, bei dem wir die Kanuausrüstung via Internet bestellt hatten, diese bereits ins Hotel geliefert hat. In einem Nebenraum erhaschten wir einen schnellen Blick auf den Berg von Material. Wir staunten nicht schlecht, und gleich kam uns der Gedanke wie wir das wohl alles in unserem Kanu verstauen sollen, zudem ja noch unser persönliches Material mit muss. Für den Moment lassen wir das Equipment aber da wo es ist und machen uns für eine erste Erkundungstour parat. Wir wollen diesen Donnerstagnachmittag dazu nutzen, uns ein Bild über das Angebot in den verschiedenen Geschäften zu machen, um anschliessend zu entscheiden, wo wir was kaufen. Natürlich haben wir schon manche Sachen in der Schweiz besorgt, aber einiges Outdoor Zeugs wollen wir noch hier dazukaufen. Bis morgen Freitagabend müssen wir alles parat haben; nicht zu vergessen die ganzen Nahrungsmittel, soll uns auf dem Fluss nicht der Magen knurren.

Wie kam es überhaupt dazu, dass wir hier oben im wilden Norden gelandet sind?
Es war Mitte März 2006 als wir uns entschlossen wieder nach Kanada zu gehen. Für Ferien mit dem Motorhome war es zu diesem Zeitpunkt leider schon zu spät, da die meisten Reiseveranstalter keine freien Camper mehr zur Verfügung hatten. Eigentlich wollten wir ja auch gar nicht per Motorhome unterwegs sein, sondern mal mit dem Kanu.

Nun ja „wir“ stimmt nicht so ganz, eigentlich habe ich die Idee mit dem Kanu aufgebracht. Gabi war weniger überzeugt: Bis jetzt hatte sie ein Zelt nur von aussen gesehen und von der Bequemlichkeit eines Schlafsackes war sie auch nicht zu überzeugen. Zudem gehörte das Kanufahren nicht gerade zu unserer Freizeitbeschäftigung in der Schweiz – sprich unsere Erfahrung beschränkte sich auf wenige Tagesausflüge auf ruhigen Seen während der Ferien hier in Kanada.
Einig waren wir uns darüber, die Wildnis des Yukon Territorys einmal hautnah erleben zu wollen, und die Auseinandersetzung mit diesem Traum machte schnell klar, dass Kanu und Zelt zwangsläufig dazu notwendig wären

Soweit so gut. Das nächste Diskussionsthema liess allerdings nicht lange auf sich warten: Wenn wir zwei Greenhorns uns schon ins Abenteuer stürzen wollen, wäre es nicht ratsam sich wenigstens einem erfahrenen Tourguide anzuvertrauen? Vermutlich die sicherste Variante, wird sich nun der ein oder andere von euch sagen. Klar, aber wir hatten absolut null Bock mit einer lärmenden Gruppe von 10 oder 12 weiteren Touris aufzubrechen. Das Wildniserlebnis bleibt da meiner Meinung nach auf der Strecke. Zudem wollten wir selber entscheiden können, wo wir übernachten, was wir essen und wie lange wir unterwegs sein wollten. Ausserdem weiss man ja nie, welche Typen einem in einer solchen Gruppe erwarten und wenn man erst einmal da draussen ist, gibt es kein zurück mehr und du musst Tage lang mit ihnen aushalten. Das könnte den Urlaub ganz schön vermiesen. Sicher sollte man die Vorteile einer geführten nicht vernachlässigen, aber wir entschieden uns letztendlich dagegen. Eine kluge Entscheidung? Wenn man nur zu zweit und ohne spezielle Wildniserfahrung in die absolute Einsamkeit abtauchen möchte, braucht es eine gute Planung. Hier kann jedes Detail entscheidend sein, denn es gibt weder einen Supermarkt um die Ecke, noch einen Arzt nach der nächsten Flussbiegung. Und wer steht schon auf 100 km Fussmarsch durch dichten Busch bis zur nächsten Siedlung, wenn man schon nach 100 Metern von gierigen Moskitos zerfressen ist.

Die erste Frage bei unserer Planung lautete: Welchen Fluss nehmen wir denn? Im Yukon gibt es unzählige Flüsse, auf denen du paddeln kannst. Du hast die Qual der Wahl. Bei uns waren ganz klar folgende Kriterien entscheidend:

1. Er sollte nicht zu lang sein, da wir auf unserer ersten „Testfahrt“ nicht länger als 7 Tage unterwegs sein wollten. Ganz nach dem Motto: erst einmal schauen, ob das was für uns ist.

2. Der Schwierigkeitsgrad: Schwierigkeiten? Nein danke. Wie schon erwähnt verfügten wir über keine grosse Kanu- oder gar Wildwassererfahrung. Wir waren also vernünftig genug uns einen „Einsteiger“-Fluss auszusuchen, auf dem keine Stromschnellen zu erwarten sind. Schön ruhig und gemütlich, schliesslich haben wir ja Urlaub. An dieser Stelle sei aber noch erwähnt, dass wir für alle Fälle doch noch einen Kanu-Kurs in der Schweiz besuchten. Wir lernten Haltung und Technik, bekamen Tipps und Tricks. Besser als gar nichts – aber würde das reichen?

3. Das Budget: Viele Flüsse liegen so einsam, dass keine Strasse an sie heranführt, sprich man muss sich mit einem Buschflugzeug ausfliegen lassen, will man sie erreichen und das ist entsprechend teuer. Wir mussten also einen jener Flüsse finden, die man von der Strasse aus erreichen kann und noch dazu die beiden oben genannten Punkte erfüllt.

Nach Abwägung aller Kriterien, ausgiebiger Recherche im Internet und Lektüre von Flussführern stand unsere Wahl fest: der Nisutlin River soll es
1529 1525 Am Nachmittag besuchten wir den besten und vermutlich einzigen Buchladen in Whitehorse. Er befindet sich an der Mainstreet mitten in Downtown. Yukonbooks hat eine riesige Auswahl an Bücher der unterschiedlichsten Kategorien und viele Karten über fast alle Flüsse des Yukons. Hier kauften wir eine zusätzliche Flusskarte vom Autor Mike Rouke. In der Schweiz hatten wir uns bereits den Flussführer von Gui Karpes besorgt, dessen Karten aber im Gegensatz zu jenen von Mike Rouke nicht so detailliert sind. Dafür beschreibt Karpes den Fluss ein wenig ausführlicher im Text als Rouke dies macht. Beide Bücher ergänzen sich somit und sind sicher kaufenswert. Zusätzlich kauften wir noch ein Fährtenbuch; schliesslich wollen wir ja wissen, welche Tiere uns über den Weg gelaufen sind, wenn wir sie schon nicht zu Gesicht bekommen sollten.

In einem Outdoorladen, ein wenig ausserhalb der Downtown, ergattern wir noch ein Oberkörper Mückenschutznetz. Wir haben in diversen Büchern und auch in Internet gelesen, dass der Nisutlin River ein regelrechtes Moskito Brutgebiet sein soll. Bereits letztes Jahr am Liard Trail durften wir schmerzlich erfahren, was diese Plagegeister anrichten können – das sollte uns nicht wieder passieren – manche Fehler macht man lieber nur einmal.

Der Canadien Tire durfte natürlich bei unserem Shopping Trip durch Whitehorse nicht fehlen. Dieser kanadische Heimwerkerladen bietet einiges an nützlichen Ausrüstungsgegenständen: Neben Feuerstarter und Moskitospray kaufte ich mir noch ein paar Gummistiefel. Diese 12 Dollar sollten die wohl lohneswerteste Investition sein, die ich je in Kanada gemacht habe, aber dazu später mehr.

1532 Ein anstrengender Tag neigte sich dem Ende entgegen. Die Lauferei rund um Downtown und die „Besichtigung“ der verschiedenen Geschäfte hatte uns müde gemacht, von platten Füssen ganz zu schweigen. Aber uns blieb ja keine andere Wahl, wir mussten alles bis spätestens morgen erledigt haben, denn am Samstag in der Früh werden wir von Yukonwide abgeholt. Was wir dann nicht dabei haben, kann nicht mehr ersetzen werden. Also geben wir unser Bestes an wirklich alles zu denken. Gar nicht so einfach bei all den tausend kleinen Sachen den Überblick zu behalten, wenn man so was noch nie gemacht hat.

Wieder zurück im Hotel, schleppten wir zuerst einmal unser Kanuequipment in unser Zimmer hinauf. Anschliessend kontrollierten wir das Material so gut es möglich war. Das Zelt beispielsweise konnten wir natürlich nicht aufstellen; hier mussten wir uns ganz auf den Ausrüster verlassen, dass wirklich alles in Ordnung ist. Das ganze Material schien in gutem Zustand zu sein und laut der mitgebrachten Ausrüstungsliste, die wir von Yukonwide per Mail erhalten hatten, schien auch alles komplett zu sein. Einzig das Kanu und das Sattelitentelefon fehlten noch. In unserem nicht gerade kleinen Zimmer sah es danach aus als hätte eine Bombe eingeschlagen: überall lagen Kleider, Material und Esswaren herum. Das Chaos vor dem grossen Aufbruch!

Packen macht hungrig - am Abend ging’s dann noch in den Pizza Hut.

 

Links:  
Yukonbooks Der wohl beste Buchladen in Whitehorse

 

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